Stolpersteine in Frankfurt

für Dora Buchband und Leo Gingold

Stolpersteine für Leo und Dora

Hier lesen Sie Auszüge aus der Rede zur Verlegung von Stolpersteinen in Frankfurt für Dora Buchband und Loe Gingold am 6. November 2007. Weitere Informationen zu Stolpersteine in Frankfurt.

Liebe Familie von Dora und Leo, liebe Freunde.
An dieser Stelle stand früher das Haus Breite Gasse 23 in der bis 1933 die Familie Gingold lebte. Daher gedenken wir hier der in Auschwitz ermordeten Dora Buchband, geborene Gingold und Leo Gingold.

Dora wird am 11.Juli 1913 als Zwillingsschwester von David in Frankfurt geboren. Leo kommt am 04.01.1915 mitten im 1. Weltkrieg zur Welt.

1915 muss die Familie Gingold ihre erst Flucht antreten. Sie haben, ursprünglich aus Polen stammend, russische Pässe. Daher gelten sie als Angehörige eines Feindesstaates und sollen in ein Lager Nahe Frankfurt interniert werde. 1929 erfolgt die Rückkehr nach Frankfurt wo der Vater dann Anfang der 30er Jahre ein Schneidergeschäft eröffnet. 1933 werden Fensterscheiben, ebenso wie bei vielen anderen Juden, mit Parolen wie "Judenteufel" und Morddrohungen beschmiert.

Im Juli ´33 macht sich die Familie erneut auf die Flucht, diesmal weil man sie als Juden in Deutschland verfolgt. Die Flucht führte sie über Saarbrücken illegal über die Grenze nach Paris. Dort erhalten sie ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht ohne Arbeitserlaubnis, was sie um zu überleben in die Schwarzarbeit zwingt. Diese Lage wird mit entsprechend niedriger Entlohnung ausgenutzt. 1936 heiratet Dora, Henri Buchband und bekommt ihr erstes Kind, Gilbert. Leos Pariser Aufenthaltserlaubnis enthält ebenso wie die seiner Brüder David und Peter den Vermerk "Flüchtling aus Deutschland". Da sie dies als Deutsche ausweist werden sie nach Kriegsbeginn 1939 zeitweise im Stadion Colombes interniert. Die restlichen Familienmitglieder, die beiden Schwestern Dora und Fanny, der jüngste Bruder Siegmund und die Eltern sind mit der polnischen Nationalität registriert und werden daher nicht interniert.

Die Geschwister Gingold sind aktiv in der französischen Widerstandsbewegung, der Resistance. Im Mai 1940, während die deutsche Armee auf Paris marschiert, ist Dora wieder schwanger und flüchtet zusammen mit einigen Familienmitgliedern vor der Hitlerarmee.

Dora Buchband geb. Gingold

Dora Gingold - Foto

Geboren: 11.07.1913 in Frankfurt am Main
Flucht: Sommer 1933 nach Frankreich
Verhaftung: 13.11.1942 durch die französische Vichy-Polizei auf offener Straße, weil sie den gelben Judenstern nicht trägt
Deportation: 1943 von Frankreich nach Auschwitz
Todesdatum: unbekannt

Dora Buchband wird am 13. November 1942 durch die französische Vichy-Polizei auf offener Straße verhaftet, weil sie den gelben Judenstern nicht trägt. Am 12. Februar 1943 wird sie mit dem Transport Nr. 47 nach Deutschland verschleppt und in Auschwitz ermordet. Dora hinterlässt die beiden Kinder Gilbert und Hélène. Sie werden zusammen mit Alice, der Tochter von Peter und Etti Gingold, aus Sicherheitsgründen bei Pflegeeltern untergebracht und überleben so Krieg und Verfolgung. Dora gelingt es, während der Deportation, zwei Briefe an ihre Eltern aus dem Viehwangen zu werfen.

Joscha, der Großneffe von Dora und Leo wird nun diese letzten Briefe verlesen:

"Meine Meine Lieben
Ich bin jetzt im verplombierten Wagon. Es ist garnicht so schlimm wie man sich das vorstellt. Wir haben sogar sehr viel Luft von 3 Gitterfenstern. Die Türen und Fußboden sind aus ganz morschen Bohlen, ich hoffe daß es ganz leicht sein wird auszurücken. Ich habe alle meine Sachen mit mir. Wir sind hier nicht zuviel Leute. Wir können uns setzen. Die Leute sind beneidenswert zuversichtlich. Macht Euch keine Sorgen, ich ziehe mich aus dieser Geschichte. Macht Euch kein Herzweh, bleibt mir gesund, wir werden uns zurückfinden. Es wird schon alles gut werden.
Es küsst Euch 1000 mal
Eure Dora."

In dem zweiten Brief, sie ist nahe der deutschen Grenze, drückt sie immer noch Optimismus aus, um die Eltern zu beruhigen. Ihre Hauptsorge war es, die Moral ihrer Angehörigen aufzurichten, mit einer Hoffnung, in Frankreich in der Region von Metz bleiben zu können.

"Wir sind jetzt mitten in der Fahrt. Wir schauen aus den Gittern und die Leute winken uns alle zu. Wir fahren nach Metz, es heißt die Deutschen bleiben dort. Wir sind alle lustig. Ihr stellt euch das viel trauriger vor. Die Reise was am schlimmsten sein sollte, ist gar nichts. Wie Ihr seht, stellt man sich viel schwerer vor. Euch ergeht es viel schlimmer, weil Ihr Euch alles schlimm vorstellt. verhaltet Euch jetzt ganz ruhig, mir ist das Herz schwer, weil ich weiß, daß ihr euch es vorstellt als ein großes Unglück, es wird vielleicht alles gut werden. Sagt Euch, daß Alles wieder gut werden will.
Auf ein baldiges Wiedersehen
Es küßt Euch Dora"

Das war ihre letzte Botschaft!

Leo Gingold

Leo Gingold - Foto

Geboren: 04.01.1915 in Frankfurt am Main
Flucht: Sommer 1933 nach Frankreich
Verhaftung: 04.11.1942 bei einer Hausdurchsuchung von der französischen Polizei
Deportation: 1943 von Frankreich nach Auschwitz
Todesdatum: unbekannt

Leo Gingold wird bei einer Hausdurchsuchung von der französischen Polizei am 04.11.1942 fest genommen. 1943 wird auch Leo nach Auschwitz deportiert und ermordet.

Aus den bisher unveröffentlichen Memoiren von Peter Gingold, dem Bruder von Dora und Leo wird Joscha nun einen Auszug vorlesen:

Ich lese nun Ausschnitte aus den Erinnerungen meines Großvaters Peter Gingold vor, der Bruder von Leo , der bis vor einem Jahr hier in Frankfurt lebte. Er beschreibt, wie es zu Leos Verhaftung in Paris kam:

"Von Ettie erfuhr ich später, dass am frühen Morgen des 16.Juli der von der Frühschicht als Metrofahrer heimkehrende Nachbar, an Etties Wohnungstür klopfte und sie warnte, unzählige Polizeiomnibusse seien unterwegs, die die jüdische Bevölkerung aus den Wohnungen hole"
Peter beschreibt weiter, wie er versuchte alle Familienmitglieder in Sicherheit vor der Gestapo zu bringen:
"Meinem Bruder Leo empfahl ich, in meinem illegalen Zimmer in der rue Monte Genevieve, im Quartier Latin unterzuschlüpfen.. Ich gab ihm meine Carte d´Identité, in dem kein J eingestempelt ist, mit der er sich unbehindert bewegen könne. Er sah etwas aus wie ich, war ein Jahr älter.
Ich nahm ein Hotel und habe seitdem meinen Bruder nie wieder gesehen. Denn nach derselben Nacht, am frühen Morgen, kam die Polizei in mein illegales Quartier, fand meinen Bruder vor, und er wurde als Peter Gingold verhaftet, Als ich es erfuhr, hat es mich wie mit einer Keule getroffen, als ob alles auf mich hereinbräche, ich war fassungslos.
Offenbar war der Mieter dieses Zimmer ein Jude, der sich hat registrieren lassen, den sie nun holen wollten, stattdessen fanden sie meinen Bruder vor und nahmen ihn mit. Offenbar hat ihn meine Kennkarte ohne J nicht gerettet. Man fand sicherlich bei ihm seine richtige Kennkarte mit J, was zu seiner Verhaftung ausreichte.

Wochen später erhielten wir von ihm die Nachricht, dass er sich mit anderen jüdischen Menschen im Sammellager Roland le Gros, südlich von Paris, befände, Später kam von meinem Bruder die Nachricht, dass er in das Sammellager Drancy, im Vorort von Paris, von wo aus die Transporte nach Auschwitz gingen, gebracht wurde. Seitdem ist jede Spur verloren. Wenn Leo nicht vorher umgebracht wurde, fand er sein Ende in der Gaskammer. Er hat mir mein Leben gerettet, mich vor Auschwitz bewahrt, während er durch mich nach Auschwitz kam, ein entsetzliches Ende gefunden hatte. Sein Schicksal wäre meines gewesen, denn normalerweise hätte ich in dieser Unterkunft die Nacht verbracht. Dies lässt mich nicht mehr los!

Wie oft träume ich, Leo sei wieder da, mitten in unserer Familie, er ist wieder unter uns. Wie glücklich ich dann bin, meinen Bruder wieder an meiner Seite wohlbehalten zu erleben. Ach, dann das traurig schmerzliche Erwachen, immer bleibt der Gedanke, dass ich ihm mein Leben verdanke. Diese Zeilen konnte ich nur unter Tränen schreiben.

Die Familie hat die Namen der ermordeten Geschwister auf dem Grabstein der Eltern in Frankreich eingravieren lassen mit der Inschrift: "Opfer der Nazi-Barbarei".

Foto von der Verlegung der Stolpersteine

weiter aus dem Buch

Menschen auf der Flucht, ohne Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis, Verfolgung auf Grund von Nationalität oder Religion, die Ausnutzung dieser Lage und damit einhergehende Dumping-Schwarzarbeiter-löhne das alles hat die Familie Gingold selbst erlebt, aber dies gibt es in unserer Welt und in unserem Land leider auch heute noch. Die Verschärfung des deutschen Asylrechts, sowie die Bilder der Flüchtlinge vor den europäischen Küsten machen dies deutlich. Dies und die eigenen Erlebnisse haben die Geschwister von Dora und Leo, die Kinder und Enkel der Familie ebenso wie viele andere Menschen bis heute dazu bewegt politisch aktiv zu sein. Die politischen Aktivitäten richten sich unter anderem gegen die immer noch börsennotierte IG Farben AG in Abwicklung.

Die nach 1945 geborenen Generationen tragen keine Verantwortung für das was 1933-1945 im Namen Deutschlands in der Welt angerichtet wurde. Aber wir tragen die Verantwortung dafür, dass die Geschichte nicht vergessen wird ebenso wenig wie ihre Opfer. Und wir tragen Mitverantwortung dafür was heute in unserem Land passiert. Wir lassen es nicht ohne Widerstand zu, wenn wieder faschistische Gruppen marschieren und morden. Wir stellen uns ihnen dort, wo uns Politik und Polizei nicht daran hindern können, in den Weg und fordern weiterhin ein Verbot aller faschistischen Organisationen.

Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg! Dies war, ist und bleibt unsere Aufgabe.

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