Niederlage der Roten Ruhr-Armee

1. April 1920

Verteidiger des Ruhrgebietes während des Kapp-Putsches

Vom 13. bis zum 17. März 1920 dauerte die "Regierungszeit" der Kapp-Putschisten. Der nachhaltigste Widerstand bildete sich im Ruhrgebiet.

Innerhalb weniger Tage entstand die Rote Ruhrarmee, militärisch gegliedert, mit gewählten Führern. In ihr kämpften Mitglieder der SPD, der USPD und der KPD, aber auch Syndikalisten und christliche Arbeiter in einigen Fällen auch Mitglieder der DDP. Unter großem Einsatz und vielen Opfern vor allem bei den Kämpfen um Dortmund, um Remscheid und um Essen, in dem starke Einheiten der Sipo und der Einwohnerwehren erbitterten Widerstand leisteten, wurden die Truppen der Putschisten in die Flucht geschlagen. Unter dem Eindruck, dass selbst starke Formationen von den Arbeitereinheiten geschlagen wurden, beeilte sich der Putschistengeneral Watter, seine Truppen schnellstens in die Festung Wesel zurückzuziehen, um dort und im Raum Münster mit Verstärkung aus dem Reich die Rückeroberung des Ruhrgebiets vorzubereiten. Doch die Arbeiter der Städte an der heutigen B 8, der einzigen Rückzugstraße, die für Reichswehr und Freikorps noch möglich war, um über Dinslaken die Festung Wesel zu erreichen, griffen die abziehenden Truppen an. Arbeitereinheiten machten aus dem Rückzug etwa des Düsseldorfer Ulanenregiments eine regelrechte Flucht. Die Truppe erreichte dezimiert und demoralisiert unter Verlust großer Teile ihrer Waffen den Raum Dinslaken und nach weiteren harten Kämpfen Wesel.

Nach etwa einwöchigem Kampf hatte die Rote Ruhrarmee das gesamte Gebiet zwischen dem von den Engländern besetzten rechtsrheinischen Brückenkopf im Süden, der bis Solingen reichte, und der Lippe im Norden von den von militaristischen Verbänden befreit.

Unmittelbar nach der Flucht der Putschisten forderte die SPD den Abbruch des Generalstreiks. Doch die Arbeiter hatten nicht für eine Fortsetzung des Noske-Regimes gekämpft. Sie forderten Garantien gegen eine Wiederholung militaristischer und monarchistischer Abenteuer. Noch hatten die Gewerkschaften eine starke Position, bei der Bildung der Regierung mitzusprechen. Erst nach der Annahme eines von ihnen vorgelegten 9-Punkte-Programms stimmten der ADGB und die Mehrheit der USPD-Führung dem Abbruch des Generalstreiks am 22.3. zu. Damit gaben die Gewerkschaften und auch die USPD ihre stärkste Waffe aus der Hand. Was blieb, waren Versprechungen, darunter auch, dass es keine Militäraktion gegen die Rote Ruhrarmee geben sollte.

Auf der Grundlage des 9-Punkte-Programms sollte auch die Ruhrarmee den Kampf einstellen. Carl Severing als Beauftragter der Reichsregierung lud dazu 150 Vertreter von Verwaltungen und Parteien nach Bielefeld ein, um zunächst einen Waffenstillstand zu erreichen und die Bedingungen für die Entwaffnung der Roten Ruhrarmee festzulegen. Die militärischen Führer der Ruhrarmee waren nicht eingeladen, die Vertreter der Parteien kamen nur aus dem Raum Hagen/Bergisches Land. Da die Zugeständnisse der Regierung als tragfähiger Kompromiss erschienen und eine Ausdehnung des militärischen Kampfes nicht möglich schien, stimmten die Vertreter der Arbeiterparteien einschließlich zweier Kommunisten dem Abkommen zu. Das brachte Verwirrung in die Reihen der Ruhrarmee, während der Abbruch des Generalstreiks der Militärführung erlaubte, die reaktionärsten Truppen aus dem Reich - darunter auch offene Putschisten - zum Angriff zu formieren.

In Essen wurden am 25. März auf einer Tagung der Vertreter der Aktionsausschüsse aus etwa 70 Orten ein Zentralrat als politisches Führungsorgan geschaffen. Kommunisten und linke USPD-Anhänger bildeten auf der Konferenz eine große Mehrheit. Erst damit entstand für den westlichen Frontbereich eine politische Leitung, der sich nach Diskussionen auch die militärischen Führung mit ihrem Mülheimer Zentrum unterstellte. ... Der Zentralrat sah keine Garantien für die Verwirklichung des Bielefelder Abkommens. Deshalb wurde beschlossen, der Regierung neue Verhandlungen vor allem um die Verlängerung der Fristen für die Auflösung der Armee und um Garantien gegen den Einmarsch von Truppen ins Ruhrgebiet vorzuschlagen. Zwar kam es am 30. März noch zu Verhandlungen, doch Watter wollte Rache. So wurden Termine für die Auflösung der Roten Armee gesetzt, die auf keinen Fall eingehalten werden konnten. Schon am ersten April begann die durch reaktionäre Truppen aus dem ganzen Reich gestärkte Reichswehr ihren Vormarsch, obwohl bis zum Mittag des 2. April Waffenruhe vereinbart war.

Mit Rückendeckung der neuen Reichsregierung ... erhielt Watter die Möglichkeit, seinen Rachefeldzug durchzuführen. Massenerschießungen und unzählige Todesurteile von Standgerichten zeichneten den Rachefeldzug der Soldateska in den Städten nördlich der Ruhr. Die Toten wurden verscharrt, wo sie erschossen wurden, genaue Zahlen der Opfer gab es nie. Erst an der Ruhr wurde die Reichswehr gestoppt, weil die Briten wegen Verletzung des Versailler Vertrags mit der Besetzung des Bergischen Landes drohten. Das Zusammenspiel sozialdemokratischer Führer mit dem Militarismus verhinderte, dass aus der bedeutsamsten Einheitsaktion der Arbeiter ein dauerhafter Erfolg wurde. Nach der Zerschlagung der Roten Ruhrarmee waren auch die vorher verbrieften Forderungen der Gewerkschaften nicht mehr das Papier wert, auf dem sie geschrieben wurden. Drei Monate nach dem Putsch verlor die SPD gegenüber den Wahlen zur Nationalversammlung die Hälfte ihrer Wähler und flog aus der Regierung. Die SPD-Führung wurde nicht mehr gebraucht, nachdem sie geholfen hatte, die Macht der Reaktion erneut zu sichern. Gebraucht allerdings wurden die Putschisten. Viele der 600 Marineoffiziere der Brigade Erhardt wurden in die Reichsmarine übernommen, andere ins Reichsheer oder in die Polizei.

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