Schandurteil gegen "Mephisto"

Bundesverfassungsgericht rechtfertigt den Opportunismus

aus UZ (Unsere Zeit), Zeitung der DKP vom 25. Februar 2011

Am 24. Februar 1971 untersagte das Bundesverfassungsgericht dem Nymphenburger Verlag abschließend die Herausgabe des Romans "Mephisto" von Klaus Mann. Das Verbot hatte der Adoptivsohn des bereits verstorbenen Gustav Gründgens erwirkt.

Gründgens Theater- und Filmkarriere hatte in der Weimarer Republik begonnen. Der begnadete Komödiant wirkte bei zahlreichen Avantgardeprojekten mit und wurde den linken Künstlerkreisen zugerechnet. Nach 1933 begab sich Gründgens nach kurzem Schwanken unter die Obhut der neuen Machthaber, speziell von Hermann Göring. Gründgens steigt zum Generalintendanten der Preußischen Staatstheater auf, einem der wichtigsten Posten im faschistischen Kulturbetrieb.

Generalintendant wird er nach der "Entnazifizierung" auch wieder im westdeutschen Staat, zunächst in Düsseldorf dann in Hamburg. Als "Mephisto" in Goethes Faust feiert er nach wie vor seine größten Triumphe. Unter Adenauer wird er endgültig "der" Theaterschauspieler. 1963 legt er alle Ämter nieder und stirbt unter ungeklärten Umständen während einer Weltreise.

1936 hatte Klaus Mann seinen Roman "Mephisto" veröffentlicht. In diesem setzt er sich mit dem Typus des künstlerischen Opportunisten auseinander, den er in der Gestalt des Schauspielers Hendrik Höfgen verkörpert. Dieser trägt erkennbar Züge von Gustav Gründgens, mit dem Mann zusammengearbeitet hatte und der mit seiner Schwester Erika verheiratet gewesen war. Der Roman lehnt sich an die Lebensgeschichte von Gründgens aber nur an. Mann geht es allgemein um die Frage, wie die Menschen beschaffen sein müssen, die sich um des eigenen Vorteils willen einem verbrecherischen Regime andienen.

Indem das Bundesverfassungsgericht den Roman wider die bekannten Fakten als reinen Schlüsselroman wertete, vergewaltigte es die künstlerische Intention von Klaus Mann, setzte das Persönlichkeitsrecht grundgesetzwidrig über die künstlerische Freiheit. Den Richtern ging es vor allem um die Unangreifbarkeit der Opportunisten, aus denen der Staats- und Verwaltungsapparat der Bundesrepublik von Anfang an zu überwiegenden Teilen bestanden hatte.

Das Urteil wurde aber auch Gustav Gründgens nicht gerecht. Indem man ihn zur Ikone des Opportunismus machte, versperrte man den Blick auf seinen Einsatz für bedrohte Kollegen unter dem Faschismus. Ernst Busch etwa verdankt Gründgens' Intervention bei Göring das Leben. Im Gegenzug setzte sich der große proletarische Sänger nach 1945 (erfolgreich) für Gründgens' Freilassung ein, als dieser in einem sowjetischen Internierungslager saß.

1959, mitten im kalten Krieg, geht Gründgens mit dem Ensemble des Deutschen Schauspielhauses Hamburg auf Tournee nach Moskau und Leningrad, wo er "Faust I", "Der zerbrochene Krug" und "Wallensteins Tod" auffuhrt.

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