Oh, König von Preußen

Kartätschenprinz und "tumber Tor"

aus UZ (Unsere Zeit), Zeitung der DKP vom 6. Januar 2012 von AR

Vor 150 Jahren, am 2. Januar 1861, bestieg Wilhelm I., bereits 63 Jahre alt, den preußischen Königsthron. Am gleichen Tag war sein älterer Bruder König Friedrich Wilhelm IV. nach langer Krankheit gestorben, Seit 1858 hatte ihn Wilhelm als Regent vertreten. Im Gegensatz zu anderen adeligen Zweitgeborenen hatte sich der "Prinz von Preußen" in der deutschen Geschichte schon seit einiger Zeit einen Namen gemacht - als Kartätschenprinz hatten ihn die Berliner und die deutschen Revolutionäre von 1848 in unguter Erinnerung.

Wilhelm war es, der im März 1848 darauf gedrängt hatte, die Kanonen gegen das aufständische Volk von Berlin zu richten. Über 120 Tote hatte das brutale Vorgehen der preußischen Armee gefordert. Den revolutionären Mut der Berliner hatte das nur gestärkt. Als sie die Toten im Hofe des Berliner Stadtschlosses aufbahrten, zwangen sie Friedrich Wilhelm IV. seinen Hut zu ziehen.

Dessen Bruder Wilhelm war da längst auf der Flucht vor dem Volk, die ihn zu den Verwandten nach London führte. Im Juni des gleichen Jahres kehrte er nach Preußen zurück. Seine brutale Haltung qualifizierte ihn dann für den Oberbefehl über die preußischen Interventionstruppen, die das letzte Aufflackern der 1848er Revolution, die Reichsverfassungskampagne in Baden und der Pfalz, im Juni und Juli 1849 blutig niederschlugen. Als letzter Akt wird die umkämpfte Festung Rastatt von preußischen Truppen nach dreiwöchiger Belagerung eingenommen. Zwanzig Revolutionäre lässt Wilhelm standrechtlich erschießen.

Wilhelms zweite historische "Großtat" bestand in der Berufung Otto von Bismarcks zum Kanzler, zunächst des preußischen Kabinetts. Dessen außenpolitisches Geschick und innenpolitische Winkelzüge konnte er in den folgenden Jahren nie wirklich im Detail nachvollziehen. Bismarcks Grundlinie der Großmachtpolitik nach außen und der Reaktion nach innen entsprach aber ganz und gar dem Denken, in dem der Hohenzollernspross erzogen worden war.

Dass der "Eiserne Kanzler" es mit Wilhelm trotzdem nicht einfach hatte, beschreibt der marxistische Bismarck-Biograph Ernst Engelberg so: "Recht schwach in seiner Fähigkeit entwickelt, die Dinge zu sehen, wie sie sind, ersetzte König Wilhelm konsequentes Denken durch moralisierenden Eigensinn, der stets durch die Macht der Verhältnisse und mit größter Mühsal gebrochen werden musste ... Drei Kriege sind ... von 1864 bis 1870 geführt worden, und keinen hat der spätere ´Heldenkaiser´ so recht verstanden ... Drei Kriege, drei Siege, dreimal gefeiert ein tumber Tor!" Und das war Preußens Glanz und Gloria. Enkel Wilhelm II. sollte erst noch folgen.

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