Der Hamburger Kessel: 8. Juni 1986

Schlacht um die Atomkraft

aus UZ (Unsere Zeit), Zeitung der DKP vom 3. Juni 2011 von AR

Im "Hamburger Kessel" schlossen am 8. Juni 1986, vor 25 Jahren, mehrere tausend Polizisten über 800 DemonstrantInnen, die sich gerade erst begannen zu formieren, überfallartig ein - für bis zu 13 Stunden und rechtswidrig, wie das Verwaltungsgericht Hamburg einige Monate später, am 30. Oktober 1986, feststellte. Den Eingekesselten sprach das Gericht 200 DM Schadensersatz pro Person zu, obwohl die Forderung der Anwälte nur 100 DM betragen hatte. Die vier verantwortlichen Polizeiführer wurden vom Landgericht Hamburg wegen 861-facher Freiheitsberaubung verwarnt. Das in Hamburg erstmalig praktizierte Einkesseln ist seither trotzdem fester Bestandteil der Polizeitaktik. Anlass der Demonstration war der Protest gegen das Verhalten der Polizei vom Vortag, als sie tausende Hamburger hinderte, gegen das Kernkraftwerk Brokdorf zu demonstrieren. Die TAZ schildert die Ereignisse des 7. Juni und ihre Hintergründe zwanzig Jahre später wie folgt: "Nach zehn Jahren teilweise erfolgreichen Widerstandes gerade aus der Region Hamburg gegen das Atomkraftwerk Brokdorf in der Wilstermarsch (Schleswig-Holstein) droht der Atommeiler ans Netz zu gehen. Grund für die Anti-Atom-Bewegung sich erneut aufzubäumen: Mit einer bundesweiten Großkundgebung am 7. Juni sollte noch mal ein Fanal gesetzt werden. Nachdem die Polizei bei früheren Brokdorf-Demos durch Straßenblockaden die Anfahrt sabotiert hatte, sollte der Hamburger Konvoi diesmal die direkte Autobahnverbindung entlang der Unterelbe meiden und über Landstraßen via Bad Bramstedt die Wilstermarsch ansteuern.

Bei Kleve nahe Itzehoe ist Schluss. Es herrscht Bürgerkriegszustand: Starke Polizeieinheiten - teilweise von Transporthubschraubern abgesetzt - stoppen den Konvoi, bundesweit zusammengezogene Spezialkampftrupps mischen den Treck systematisch auf, machen Jagd auf die Teilnehmer, zerstören deren Fahrzeuge, schlagen bei Bussen die Scheiben ein oder lassen die Luft aus den Reifen der Pkw. Der Hamburger Konvoi mit 10 000 Teilnehmern sitzt fest, dreht abends um, ohne in die Nähe des Atomkraftwerk Brokdorf gelangt zu sein."

Mit der Katastrophe von Tschernobyl war der Widerstand gegen die Projekte der Atom-Mafia noch einmal deutlich angestiegen. Proteste fanden im Rhythmus von zwei Wochen statt. Schon damals stand die Frage des Ausstiegs aus der Kernenergie auf der Tagesordnung. Bundesregierung und Atomindustrie entschlossen sich zum "harten Durchgreifen", um ihr Programm durchziehen zu können. KernkraftgegnerInnen wurden kriminalisiert, Protestaktionen von der Polizei hart angegriffen. 30 000 DemonstrantInnen in Wackersdorf werden am 7. Juni 1986 regelrecht gejagt, es gibt 300 Verletzte, davon 60 schwer.

Auf der selben Linie agiert der Hamburger Innensenator Lange. Er nennt die Eingeschlossenen des Kessels von Hamburg "polizeibekannte Sympathisanten der RAF " "Leute aus der Hafenstraße und sogenannte Autonome". In Wirklichkeit handelte es sich um einen völlig wahllos herausgegriffenen Querschnitt durch die politische Landschaft.

Der Hamburger Kessel bleibt Lehrstück unserer Demokratie.

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