Die "Hochhaus-Indianer"

Achtzig Jahre Empire State Building

aus UZ (Unsere Zeit), Zeitung der DKP vom 29. April 2011 von AR

Am 1. Mai 1931, mitten in der großen Depression, wurde das bis dahin höchste Gebäude der Welt, das Empire State Building in New York eröffnet. Nur 16 Monate vorher war mit den Arbeiten am Fundament des Gebäudes begonnen worden. Der Bau des eigentlichen Gebäudes begann am 17. März 1930.

Unter den mehreren tausend Bauarbeitern sind auch Mohawk-Indianer. Seit Ende des 19. Jahrhunderts werden sie immer wieder für Arbeiten in großer Höhe angeheuert. Bis heute hält sich der gezielt gestreute Mythos, dass sie von Natur aus schwindelfrei seien. Tatsächlich zwingt ihre wirtschaftliche Not die Ureinwohner, die besonders gefährliche Arbeit anzunehmen. Schon die jungen Indianer üben das Balancieren auf schmalen Stahlträgern, um der Gefahr später eher gewachsen zu sein. Der Mohawk Kyle Karonhiaktatie Beauvais erklärt zu dem Märchen von der Angstfreiheit: "Ein guter Stahlarbeiter hat Angst vor großen Höhen. Ich möchte nicht mit einem Narren zusammenarbeiten, der sich nicht ein bisschen davor fürchtet, so hoch oben zu sein. Es ist die Furcht, die dich vorsichtig macht, die dich wach hält. Nein, ein Mohawk hat genauso Höhenangst wie der nächstbeste Typ. Der Unterschied ist nur, dass der Mohawk bereit ist, sich dieser Angst zu stellen." Während der Bauzeit sinken die bereits niedrigen Löhne massiv. Eugen Varga, Ökonom der Kommunistischen Internationale schreibt, dass die "Lohnsumme, die die industrielle Arbeiterschaft der Vereinigten Staaten im Juli 1930 erhalten hat, um rund 27 Prozent geringer war als im April 1929". Und so kostet das Empire State Building statt der veranschlagten 43 nur 24,7 Millionen Dollar. Geld, das der Bauherr John Jacob Raskob spart, Finanzvorstand beim Chemieriesen Dupont und beim größten Autohersteller der Welt, General Motors. Raskob, dessen Vorfahren aus der Eifel stammten, wurde später einer der größten Gegner des "New Deal", mit dem US-Präsident Franklin D. Roosevelt neue Arbeitsplätze schuf. Raskob ist außerdem der Mann hinter dem dreimaligen Gouverneur von New York, dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten von 1928 Alfred E. Smith. Eugen Varga sieht in Raskob im November 1930 einen der "64 Beherrscher Amerikas".

Nach offiziellen Angaben kommen sieben Menschen bei den Bauarbeiten ums Leben. Eine Zahl, die getrost bezweifelt werden darf. Vierzig Jahre später sterben - wieder nach wahrscheinlich zu niedrigen offiziellen Angaben - sechzig Menschen bei den Arbeiten an den Zwillingstürmen des World Trade Centre.

Bis heute werden Leute vom Schlage Raskobs Erbauer der USA genannt. Tatsächlich waren es Menschen wie die Bauarbeiter des Empire State Building, unter ihnen die mutigen Ureinwohner vom Stamme der Mohawk, die ihre Furcht überwanden, damit sie und ihre Familien leben konnten.

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