"Helli war da"

Zum Todestag von Helene Weigel

aus UZ (Unsere Zeit), Zeitung der DKP vom 6. Mai 2011 von AR

"Sie ist von kleinem Wuchs, ebenmäßig und kräftig. Ihr Kopf ist grob und wohlgeformt. Ihr Gesicht schmal, weich, mit hoher, etwas gebogener Stirn und kräftigen Lippen. Ihre Stimme ist voll und dunkel und auch in der Schärfe und im Schrei angenehm. Ihre Bewegungen sind bestimmt und weich.

Wie ist ihr Charakter? - Sie ist gutartig, schroff, mutig und zuverlässig. Sie ist unbeliebt." So beschrieb Bertolt Brecht 1929 im "Dialog über Schauspielkunst" seine Frau Helene Weigel.

Da war Helene, geboren 1920 in Wien, schon eine große Schauspielerin in Berlin, die Publikum und Kritik regelmäßig zu Beifallsstürmen hinriss. Bei Max Reinhardt hatte sie Dramaturgie studiert und dabei Brecht kennengelernt. Gemeinsam hatten sie zwei Kinder, Stefan (1924) und Barbara (1930). Helene war nicht nur schauspielerisch, sondern offensichtlich auch organisatorisch außerordentlich begabt. Das bewährte sich vor allem in den 14 Jahren der Emigration, in die die Hitlerbarbarei die Familie Brecht-Weigel zwang. An diese Jahre erinnert sich die Tochter auch mit den Worten: "Die Helli war da". Denn Helene Weigel war eine "Alltagsmutter" im Gegensatz zum "Sonntagsvater", den die Tochter trotzdem liebte, auch wenn sie sich Jahrzehnte später scherzhaft beschwerte, dass die Manuskripte des Vaters von Land zu Land mitgenommen worden seien, nicht aber ihr Puppenhaus. Die Last der Migration spürten die Kinder anscheinend weniger, die Eltern umso mehr. Helene bekam keine Rollen, Brechts Stücke landeten in der Schublade. Die öffentlichen Projekte der beiden lassen sich an jeweils einer Hand abzählen. Das änderte sich erst, als die beiden 1947 endlich das Ausreisevisum aus den USA bekamen. Nicht ohne dass Brecht vor den McCarthy-Ausschuss gezerrt worden war.

In der DDR fanden die beiden ihre Heimat wieder. Sie bedankten sich, indem sie das Berliner Ensemble - Helene als Intendantin und Schauspielerin, Bertold als Autor und Dramaturg - zu einem der führenden Theater der Welt machten. Nicht nur in Berlin, sondern auf zahlreichen Tourneen riss die Truppe vom Schiffbauerdamm das Publikum von den Sitzen. Nach Brechts Tod führte Helene das Theater allein weiter. Spätestens ab da musste sie sich auch nicht mehr über Brechts notorische Schürzenjägerei ärgern. Ihrer Tochter hatte sie einst gesagt: "Dein Vater war treu, allerdings zu vielen." Ihren letzten großen Auftritt hatte Helene Weigel als "Mutter" kurz vor ihrem Tod in Nanterre, der Wiege der französischen 68er-Bewegung. Noch einmal brachte ihr das Publikum eine halbstündige Ovation dar. Das mit der Unbeliebtheit ist in Theaterkreisen so eine Sache, hat sich mit den Jahren dem Vernehmen nach aber erledigt.

Helene Weigel starb vor 40 Jahren, am 6. Mai 1971.

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