Längere Schatten

Bob Dylan wird 70

aus UZ (Unsere Zeit), Zeitung der DKP vom 20. Mai 2011 von Bernd Redlich

Vor 20 Jahren, eine dieser peinlichen Veranstaltungen, bei denen Prominenz Prominenz behudelt: Jack Nicholson hielt die Preisrede auf Bob Dylan, der den Grammy für sein Lebenswerk erhielt. Dylan hampelte auf der Bühne herum, scheinbar unkonzentriert. Endlich ist Nicholson fertig, überreicht den Staubfänger, jetzt muss sich der Empfänger bedanken, bei Papa, Mama, den Fans, den Managern, so will es das Gesetz der Show. Aber der Geehrte stammelt nur ein paar unverständliche Worte, dann: "Äh, mein Vater, er hat mir nicht viel hinterlassen, wissen Sie, er war ein einfacher Mann." Der kleine Mann mit der knarzenden Stimme ringt um Worte. "Er sagte, Sohn, sagte er ..." Die Sprache scheint ihm abhanden gekommen. Und dann: "... wissen Sie, er hat so viel gesagt." Befreites Gelächter im Publikum, Beifall. Eine Inszenierung, gewiss. Eine, die typisch ist für den Dichtersänger und Komponisten, der sich selbst in gespielter Bescheidenheit einen Performer nennt, einen, der etwas aufführt. In über 50 Jahren hat er ein Werk geschaffen hat, das nur noch von manischen Fans zu überschauen ist. Die gibt es. Den Namen Bob Dylan kennt jeder, obwohl er mit seinen Songs im Radio kaum zu hören ist, und wenn, dann immer mit den selben Stücken in Versionen, die nicht allzu quer zu den Hörgewohnheiten stehen. Im Wortsinn populär sind die Songs nur in den Coverversionen, kein Pop-Künstler ist so oft gecovert worden wie er.

Unter Linken gilt Dylan vielen als Linker. Das Image stammt noch aus den 60er Jahren, er sang damals für die schwarze Bürgerrechtsbewegung und die Friedensbewegung, Lieder in einem prophetischen Gestus: "Blowing in the Wind", "Times are achanging", "Masters of war" wurden Hymnen des Aufbruchs der späten 60er, in den USA wie in Europa. Hymnen sind nicht seine Sache, er empfahl denen, die beim Anhören seiner Songs feuchte Augen bekamen, besser auf die Parkuhr zu achten als Führern zu folgen. Die alten Songs spielt er auch heute noch, er reißt sie auseinander, zertrümmert sie, setzt die Bruchstücke wieder zusammen. Grauköpfige und kahle Fans sind erschüttert, wenn Dylan auf Konzerten Dissonanzen aufeinander häuft, sie erkennen das geliebte Stück nicht wieder, von dem sie jeden Ton verinnerlicht haben. Ein Konzert als Karaoke-Veranstaltung wie bei anderen altgewordenen Rockgrößen, das ist bei ihm nicht zu haben. Seine Werke bleiben seine, er macht damit was er will.

Das verhindert Identifikation, die konstituierend ist für das Verhältnis zwischen Fan und Star. Die Distanz ermöglicht andererseits, genau hinzuhören, wenn Bob Dylan sein selbstgeschaffenes Universum durcheinanderwirbelt. Dann erschließen sich die Nuancen, wenn zum Beispiel aus einem der zarten Liebeslieder durch eine Abweichung der Stimmfarbe, durch Verschiebung der Betonung, durch Zerkauen von Silben eine zynische Abrechnung wird. Sie kam damals zu früh, 1991, die Ehrung für das Lebenswerk. Bob Dylan schafft immer Neues aus dem musikalischen und lyrischen Erbe nicht nur der USA und aus Alltagsweisheiten. Die Zeiten ändern sich. In "Not dark yet" ist davon die Rede, dass die Schatten länger werden, dass da einer weiß, er bewegt sich nicht, auch wenn es den Anschein hat. Es ist noch nicht dunkel, klar ist, dass es dunkel werden wird. Am 24. Mai wird Bob Dylan 70 Jahre alt.

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