Lohnfortzahlung bei Krankheit

Erfolgreicher Kampf vor 55 Jahren

aus UZ (Unsere Zeit), Zeitung der DKP vom 29. Juli 2011 von AR

Am 24. 10.1956 kommt es auf Beschluss der IG Metall in Schleswig-Holstein zu einem mehrere Wochen (bis zum 14. 2. 1957) anhaltenden Streik für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ab dem ersten Tag der Erkrankung unter Abschaffung der bisher einbehaltenen drei Karenztage. Die wichtigsten Forderungen, für die die Metallarbeiter in Schleswig-Holstein 16 Wochen lang streikten, waren:

  1. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall für gewerbliche Arbeitnehmer für die Dauer von 6 Wochen;
  2. Zahlung eines zusätzlichen Urlaubsgeldes und
  3. Verlängerung des Urlaubs.

Die exemplarische Bedeutung dieses Arbeitskampfes war daher offensichtlich: Zum einen handelte es sich um Ziele des IGM-Aktionsprogramms - zum anderen musste die Diskriminierung der Arbeiter gegenüber den Angestellten beseitigt werden. Schließlich wurde sein politischer Charakter noch dadurch unterstrichen, dass die Regierungsparteien im Bundestag bis dahin eine gesetzliche Regelung der Gleichstellung von Arbeitern und Angestellten verhindert hatten.

Die IG Metall hatte sich bewusst auf diesen Kampf vorbereitet. Nach den Erfahrungen der Niederlagen im Bayern-Streik (1954) entwickelte sie eine neue Streiktaktik: Die Industrie im Tarifbereich befand sich in einer konjunkturell außergewöhnlich günstigen Lage. Zudem konnten sich Vorbereitung und Durchführung der Kampfaktionen auf einen hohen gewerkschaftlichen Organisationsgrad sowie auf ein gut ausgebautes Netz von Vertrauensleuten in den Betrieben beziehen. Die IG Metall wählte nach Beginn des Streiks am 24. 10. 1956 die Taktik der "flexiblen Eskalation", d. h. sie entschied sich für einen Schwerpunktstreik, der durch die Einbeziehung weiterer Betriebe ausgeweitet werden sollte. Darüber hinaus sollte der Erfolg des Kampfes durch die gewerkschaftliche Betreuung der Streikenden in ihrer Freizeit und durch die Einbeziehung der Ehefrauen in die Streikdiskussion gewährleistet werden.

Dennoch entsprach die Länge dieses Streiks nicht den Absichten der Führung der IGM. Die Arbeiter waren nach gut zwölf Wochen des Ausstandes nicht mehr bereit, ein Verhandlungsergebnis zu akzeptieren, das erheblich hinter den ursprünglichen Forderungen zurückblieb. So wurde das Ergebnis der Bonner Schlichtungsverhandlungen, die auf Druck von Bundeskanzler Adenauer zustande kamen, am 30. 1. 1957 von 77,6 Prozent der Streikenden, die sich an der dritten Urabstimmung beteiligten, abgelehnt, obwohl sich die große Tarifkommission der IGM mehrheitlich für seine Annahme ausgesprochen hatte. Auch nach 16 Wochen stimmten nur etwa 40 Prozent derer, die sich an der vierten Urabstimmung beteiligten, für die Annahme eines Ergebnisses, das zwar gegenüber dem ersten Unternehmerangebot einen Durchbruch bedeutete, das aber dennoch keine vollständige Gleichstellung der Arbeiter mit den Angestellten beinhaltete. Die IGM beendete den Streik, dessen Ausstrahlungskraft noch dadurch unterstrichen wurde, dass der Bundestag wenige Monate später das "Gesetz zur Verbesserung der wirtschaftlichen Sicherung der Arbeiter im Krankheitsfalle" verabschiedete.

(Siehe auch in "Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung", von Deppe, Fülberth, Harrer u. a.)

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