Lied von der Wiedervereinigung!

zum 3. Oktober 1990

Beim Aufräumen 2009 habe ich einen Text gefunden, den ich 1990 geschrieben habe und der mir vorkommt, als würde er in diesem Jahr besser denn je passen.
Vor 60 Jahren Staatsgründung der BRD und DDR. Bis in die 60er Jahre war seitens der DDR immer die Tür offen für eine Wiedervereinigung. Doch der Westen wollte keine Wiedervereinigung, er wollte die Zerschlagung der DDR und der sozialistischen Länder.

Ein Traum vom Einig-Vaterland
wird
Zum Albtraum der Wirklichkeit

Endlich können alle Bürger der ehemaligen DDR - sofern das Geld reich - überall hinreisen.

Endlich können alle Bürger der ehemaligen BRD - ohne um ihren Arbeitsplatz zu bangen oder die Erlaubnis des Arbeitgebers einzuholen - gen Osten reisen.

Endlich hören die Privilegien für DDR-Bürger auf. Auch sie müssen jetzt um Kinderkrippen, Kindergarten und Hortplätze bangen.

Endlich wird keiner mehr mit seinen Sorgen und Nöten alleine gelassen - jetzt treffen sie alle.

Endlich können wir wieder gesamtdeutsch "Deutschland, Deutschland über alles" singen.

Endlich müssen die Antifaschisten nicht mehr nur in der ehemaligen BRD um Gedenkstätten und gegen Naziterror kämpfen.

Endlich müssten die Kommunisten der ehemaligen BRD rehabilitiert werden, die 1956 unter Adenauer in die Gefängnisse gegangen sind, weil sie für die Wiedervereinigung Deutschlands eingetreten sind.

Endlich erfahren die Antifaschisten der BRD Gerechtigkeit. Die Antifaschisten in der ehemaligen DDR werden keine "Wiedergutmachung" mehr bekommen.

Endlich werden Kriegsverbrecher auch auf dem Boden der ehemaligen DDR hoffähig und können sich "in Freiheit" entfalten.

Endlich gibt es Gerechtigkeit in der ärztliche Versorgung, frei und ungezwungen. Alle Rentner bezahlen ihren Krankenkassenanteil und die kostenlose ärztliche Versorgung für die Bürger der ehemaligen DDR fallen weg und die flächendeckende kinderärztliche Versorgung auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ist auf das Höchste gefährdet, lt. Aussage der Kassenärztlichen Vereinigung der ehemaligen BRD.)

Endlich darf eine Mutter nach der Entbindung wieder nach 8 Wochen arbeiten und nicht erst nach 20 Wochen.

Endlich müssen auch die Eltern in der ehemaligen DDR ihren Urlaub opfern, wenn Kinder erkranken. Ab sofort gibt es für alle nur noch 5 Tage bezahlte Freistellung im Jahr bei Erkrankung eines Kindes bis zum 8. Lebensjahr, anstelle von 4 bis 13 Wochen (je nach Kinderzahl).

Endlich können schwangere Frauen ganz legal und nach eigener Entscheidung eine Schwangerschaft abbrechen lassen. Aber nur noch bis 1992. Dann gilt gutes westdeutsches Recht (Indikationslösung). Doch bis dahin dürfen - welche Gnade - Westfrauen auf Krankenschein in Krankenhäusern der ehemaligen DDR einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen lassen.

Endlich, endlich, endlich!

Endlich trägt das ganze deutsche Volk die Bürde der Profitgier.

Endlich sind Rechte wie
Recht auf Arbeit
Recht auf Bildung und Ausbildung
Recht auf Wohnen
Recht auf Gesundheitsersorgung

Verwirkt.

Der Traum vom besseren Leben darf weiter geträumt werden und er geht auch bestimmt für viele in Erfüllung. Aber noch mehr Menschen werden arm und ärmer - gesamtdeutsch.

Gesamtdeutsch wird jetzt auch die Verantwortung, dass der erreichte Wohlstand zu einem sehr hohen Prozentsatz auf das Konto der Ausbeutung der Völker der Dritten Welt zu verbuchen ist.

Vielleicht erwacht das Volk und ergreift die Initiative und klagt seine Rechte ein, engagiert sich - auch für die Völker der Dritten Welt, dass sie nicht weiter ausgebeutet und dem Hunger preisgegeben werden.

Gemeinsam könnten wir für das bessere Deutschland eintreten.

Gemeinsam könnten wir für Freiheit, frieden und Gerechtigkeit kämpfen.

Dazu gehört aber erst das Erkennen, wer uns verraten und verkauft hat, wer uns und anderen Völkern Rechte, Freiheiten, den Frieden und die Gerechtigkeit vorenthält.

Wir Kommunisten haben einen hohen Preis bezahlt, dafür, dass auch in unseren Reihen Korruption, Ungerechtigkeit, Filz und die Missachtung des Menschen Platz griff.

Dafür tragen wir die Verantwortung.

Wir Kommunisten standen und stehen weiterhin zu unserem Wort und unserem Engagement - dazu gehört auch das Aufarbeiten von Fehlern.

Wir Kommunisten werden auch weiter unsere Gedanken und unser Handeln mit in die politischen Waagschalen einbringen. Wir lasen uns den Mund nicht verbieten.

Bruni Freyeisen

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