Rede zur Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz, 28.l.2013

Mahntafel, ehemals Stadtgesundheitsamt Braubachstraße, jetzt Geschäftsstelle des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

Redner vor der Mahntafel

Sehr geehrte Damen und Herren,

am 27.l.1945 wurde Auschwitz befreit. Den sowjetischen Truppen bot sich ein unfassbares Bild. Eine überlebende Rornni berichtet "Alles, was ich damals erlebt habe, kann ich nicht vergessen, bis auf den heutigen Tag. Regelmäßig habe ich nachts Alpträume, dann träume ich von all dem Schrecklichen, das ich in Auschwitz und anderswo erlebt habe, ich wache dann mitten in der Nacht aus meinen Träumen auf und zittere am ganzen Körper. Die Angstträume kehren immer wieder zurück, sie sind ein Teil von mir geworden, den ich nicht mehr loswerde." Hermann Langbein, ebenfalls ein Auschwitz-Überlebender, berichtete, dass es im Vernichtungslager Auschwitz Birkenau nichts Elenderes gab als den Zigeunerblock. Viele bezeichnen Auschwitz als Hölle, weil ihnen die Worte zur Beschreibung fehlen. Allein in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 wurden knapp 3000 Roma und Sinti aus dieser Baracke vergast. Die unvergleichbare industrielle Vernichtung von Roma, Sinti und Juden war den Nazis so wichtig, dass sie selbst Versorgungszüge für die Kriegsfront im Osten ausfallen ließen und stattdessen für die Deportation ins Gas einsetzten. Über eine halbe Million Roma und Sinti wurden Opfer von Sonderkommandos, von medizinischen Experimenten, von unmenschlichen Arbeits-bedingungen, sie wurden Opfer der fabrikmäßig organisierten perfekten Mordmaschinerie.

Mahntafel für Roma und Sinti

Die Vorstufe zur Vernichtung wurde durch die Erfassung aller im deutschen Reich lebenden Roma und Sinti geschaffen. Robert Ritter, Leiter der .Rassenhygienischen und bevölkerungsbiologischen Forschungsstelle des Reichsgesundheitsamtes Berlin" und seine enge Mitarbeiter Eva Justin waren hierfür maßgeblich verantwortlich. Ihre sogenannten "rassenbiologischen" Untersuchungen registrierten minutiös über 20.000 Roma und Sinti. Sie leisteten damit die Voraussetzung für die spätere fabrikmäßige Vernichtung. Im Stadtgesundheitsamt Ffrn. befand sich das Erbarchiv. Es diente zur Erfassung und Kategorisierung von Menschen gemäß den Kriterien .Fremdrassig, Jude, Zigeuner". Das Amt kooperierte eng mit dem Reichssicherheitshauptamt, d. h. der "Dienststelle für Zigeunerfragen", der Frankfurter Kriminalpolizei, dem Reichsgesundheitsamt, den Meldestellen und Standesämtern. Es bereitete so die Einweisung in die Psychiatrie vor, begleitete Verfahren beim Erbgesundheitsgericht und entschied bei Zwangssterilisationen.

Eva Justin, die Assistentin von Ritter, verfasste eine Doktorarbeit mit dem Titel "Lebens schicksal artfremd erzogener Zigeuner". Sie untersuchte 39 Sinti Kinder in einem Kinderheim der Caritas in Mulfingen bei Stuttgart. Nach Beendigung ihrer Studien wurden fast alle Kinder in Auschwitz vergast. Die menschenverachtenden Ansichten von Ritter und Justin über Roma und Sinti lassen sich wie folgt zusammenfassen: Roma waren in ihrer Betrachtung grausam, unmenschlich, unfähig zum gesellschaftlichen Leben, eine "Mutation der Gattung Mensch", primitiv, kriminell, asozial, Bastarde und Schädlinge. Bereits in den 20iger Jahren wurde durch Wilhelm Leuschner, dem damaligen hessischen Innenminister, das "Gesetz zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens", das später den Nazis als Vorlage für ihre rassistische Gesetzgebung gegenüber Roma und Sinti diente, auf den Weg .gebracht, Es sah Einschränkungen der Gewerbefreiheit, das Verbot, in "Horden" (ab zwei Personen) zu reisen, die Erfassung von Fingerabdrücken und deren zentrale Speicherung im Münchener "Nachrichtendienst" vor. Leuschner beschwerte sich, dass die Stadtverwaltung Frankfurt die bereits 1929 im Konzentrationslager Friedberger Landstraße internierten Roma auch dort meldete und so die Voraussetzung für einen Wandergewerbeschein erbrachte. Er empfahl den hessischen Behörden, Personen mit Adresse Lager Friedberger Landstraße auszuweisen.

Oberbürgermeister Krebs vertrieb kurz nach der Machtübernahme der Nazis Roma- und Sinti-Familien aus Frankfurt und kooperierte eng mit Polizei-präsident Beckerle. Beckerle ließ 1937 das Lager Dieselstraße, später auch das Lager Kruppstraße errichten und betrieb mit Hochdruck die systematisch Erfassung und Zentralisierung der Daten und die Internierung, die dann in die Deportation in Konzentrations- und Vernichtungslager führte. Im universitären Wissenschaftsbetrieb etablierte sich 1935 Ottmar von Verschuer als Leiter des Instituts für Erbbiologie und Rassenhygiene. Gerhard Stein, der Assistent von Verschuer, begann im selben Jahr mit rassenbiologischen Untersuchungen an Roma und Sinti in Ffrn. und Berlin. Auch JosefMengele studierte in den 30iger Jahren an der Frankfurter Universität. 1947 wurde Robert Ritter von Sozialdezernent Prestel als Stadtarzt und Leiter der Jugendsichtungsstelle für Gemüts- und Nervenkranke und der Jugend-psychiatrie nach Frankfurt gerufen. Prestel war seit 1937 verantwortlich für die Konzentrationslager für Roma und Sinti in der Krupp- und Dieselstraße. Auch Personaldezernent Menzer stand hinter der Anstellung. Ritter "qualifizierte" sich gegenüber der Stadtverwaltung durch die Fragestellung, ob Umwelteinflüsse oder charakterliche Eigenarten Begründungen von Asozialität seien und schlug vor, Zigeuner, die mehrheitlich kriminell seien, unter Verzicht auf ihren asozialen Nachwuchs in Lager unterzubringen. Justin folgte auf Wunsch von Ritter als Jugend- und Kriminalpsychologin ins Stadtgesundheitsamt Ffrn. und empfahl sich durch Untersuchungen, die zum Gegenstand hatten, ob man vom Aussehen eines Menschen auf dessen kriminelles Wesen schließen kann. Ritter starb Anfang der 50er Jahre. Verfahren auf Initiative von Roma und Sinti gegen Justin blieben erfolglos. Erst Anfang der 60er Jahre wurden die Verbrechen beider aufgrund von Veröffentlichungen in Quick, Spiegel und Stern wieder öffentlich diskutiert, Justin jedoch nicht verurteilt. Lediglich die Arbeitsstelle von Justin wurde auf den Bonameser Standplatz, wo auch Roma und Sinti lebten, verlegt. Sie erforschte dort erneut deren soziale Situation und war danach im Universitätsklinikum Ffm. tätig.

Neben der personellen und gedanklichen Kontinuität bildet ein Teil der Nachkriegsgeschichte bis in die Gegenwart eine Haltung ab, die geprägt ist von Ressentiments und Vorurteilen gegenüber Roma und Sinti. Der banale Alltag schafft hierfür die Grundlage, beispielsweise durch Hetzartikel über "Zigeuner", die einbrechen, durch brutale polizeiliche Übergriffe, Festnahmen wegen Lappalien und die öffentliche Denunziation von Sinti und Roma. Beunruhigend und alarmierend zugleich ist die seit Jahren stattfindende Aussonderung von schwachen Roma-Schülern in Förderschulen, statt sie adäquat im Regelschul-system, so wie in der UN­ Konvention für die Rechte von Kindern und Behinderten formuliert, zu fördern. Auch die Drohung des Kindesentzugs bei Obdachlosigkeit, die mangelhafte Versorgungslage, die unter anderem letztes Jahr zum Tod einer 77jährigen Frau im Rollstuhl führte und die Räumung des Frankfurter Occupy Camps, in dem viele Roma lebten, erschweren den Aufenthalt von Armuts-migranten.

Der besonderen Lage von Roma-Flüchtlingen aus dem Kosovo, aus Macedonien und Serbien wird keine Rechnung getragen. Asylanträge werden . regelhaft in Schnellverfahren verweigert und öffentlich a~f bundespolitischer Ebene gehetzt Menschen werden trotz Perspektivlosigkeit und Gefahr an Leib und Leben, WIe der Tod einer Frau im Frühjahr 2011 gezeigt hat, ausgewiesen.. Die Abschiebung von Roma aus Frankreich und Italien in den letzten Jahren, d, h, von EU-Bürgern, die sich legal aufhielten und von ihrem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch machten, belegt dies. Die Situation in Osteuropa wird für Roma zunehmend gefährlicher. Die Auflragsmorde in Ungarn, denen neun Personen zum Opfer fielen, die Ausgrenzung und die Zuscbreibung als Sündenbock für politische und ökonomische Fehlentwicklungendokumentieren individuelle und gesellschaftliche Gewalt gegenüber Roma. Die zehn Morde an Migranten und einer Polizistin in Deutschland, verübt durch eine neonazistische Zelle, begünstigt durch jahrelanges Vertuschen und Verharmlosen der StratVerfolgungsbehörden, wurden vor der Aufklärung auch Sinti und Roma zu Lasten gelegt. Die Staatsanwaltschaft untersuchte einseitig und in der Presse war von "Ermittlungen im Zigeuner-Milieu" die Rede. Über Jahre hinweg wurden selbst ältere Personen diskriminierenden Überprüfungen unterzogen.

Vor dreizehn Jahren wurde in der Braubachstraße eine Tafel aus privaten Mitteln und nur durch massive Öffentlichkeitsarbeit der Roma-Union, des Förderverein Roma und etlicher Privatpersonen angebracht. Sie wurde gegen die Mehrheit im Römer, gegen Proteste aus dem Ortsbeirat und dem Institut für Stadtgeschichte durchgesetzt Die Gegner der Mahntafel behaupteten u. a., durch die Tafel würde ein Pilgerort für Neonazis entstehen. Mit derselben Begründung verweigert die Stadt Rostock heute die Änderung eines Straßennahmen für den von der NSU ermordeten Mehmet Turgut. Die Tafel erinnert an die ermordeten Roma und Sinti und benennt, dass die beiden für die Erfassung und Deportation maßgeblich verantwortlichen NS-Rasseforscher Ritter und Justin nach 1945 nicht etwa strafrechtlich zur Verantwortung gezogen worden sind, sondern im gehobenen Dienste der Stadt Frankfurt standen. Die Tafel wurde nach dem Auszug des Stadtgesundheitsamtes während den Umbauarbeiten ohne Information des Förderverein Roma und des neuen Eigentümers, dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, vom Institut für Stadtgeschichte entfernt. Nach Protesten konnte sie sichergestellt werden und lag bis zur Neuanbringung an historischem Ort im Schaufenster der Geschäftsstelle des Förderverein Roma.

Weitere Orte des Erinnems, der Mahnung an Verantwortung fehlen. Ich meine damit, dass alleine die recht spät errichteten Gedenkplatten auf dem Hauptfriedhof, in der Krupp- und Dieselstrasse und am Stadtgesundheitsamt nicht ausreichen. Sie schließen auch nicht, wie der frühere Kulturdezement Nordhoff formulierte, eine Lücke. Im Gegenteil, gerade jetzt ist es notwendiger denn je, daran zu erinnern, welche Rolle NS Bürgermeister Krebs und der Polizeipräsident Beckerle bei der Verfolgung von Roma und Sinti hatten. Es soll nicht verschwiegen werden, dass KZ-Arzt Mengele und Otrnar von Verschuer an der Frankfurter Uni tätig waren. Hinweise über die Machenschaften des Erbgesundheitsgerichtes während der NS-Zeit und die Informationen, aus welchen Schulen Roma-Kinder entfernt wurden, stehen offen.

Und schließlich bleibt die gemeinsame Forderung der Roma-Union, des Förderverein Roma und des hessischen Landesverbandes der deutschen Sinti und Roma, ein zentrales Mahnmal am IG-Farben-Haus, dem jetzigen Uni­ Campus-West, anzubringen. Dort, wo sowohl der Massenmord durch Zyklon-B geplant wurde als auch die Vernichtung durch Arbeit. Auschwitz Monowitz, der Ort der Buna-Werke des IG-Farben-Konzern, war eine einzige Sklavenstätte. Das Unternehmen nutzte die Menschen bis zum Letzten aus. Wer nicht mehr konnte kam ins Gas. Auch daran verdienten die IG-Farben, ohne dass• bis heute das milliardenschwere Nachfolgeuntemehmen "IG-Farben in Auflösung" einen nennenswerten Beitrag zur Entschädigung der Opfer geleistet hätte.

Die generelle Stimmung gegenüber Roma und Sinti, wie gegenüber Juden, wird offen aggressiver. Die Verachtung ist wieder in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wie Michel Friedmann und Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bemerken. Die Verachtung gegenüber Roma und Sinti hat sich nie aus-der Mitte der Gesellschaft verabschiedet. Die Absicht des deutschen Städtetages beispielsweise, die Gräber von ehemaligen KZ-Opfem aus Kostengründen einzuebnen, statt sie zu Gedenkorten umzugestalten, ist besorgniserregend. Historische Verantwortung findet immer weniger Gehör. Ihr weicht die Generalverurteilung, die auf charakterliche und ethnische Zuschreibungen abhebt und letztendlich die Opfer zu Täter macht.

Dennoch ist der heutige Tag für viele Roma und Sinti ein Tag der Freude. Der Freude über die Befreiung aus der Hölle von Auschwitz. Der hessische Landesverband der Sinti und Roma und der Förderverein Roma haben in Kooperation mit dem Stadtschulamt und dem staatlichen Schulamt im November 2012 eine Medienbox zum Thema Antiziganismus für den Sek. II Bereich an Frankfurter Schulen und die außerschulische Jugendbildung bereitgestellt. Die Ausstellung Frankfurt-Auschwitz des Förderverein Roma, die aus Stiftungs- und kommunalen Mitteln finanziert wurde, stößt seit drei Jahren auf breites Interesse und wird demnächst im Studenten Haus Bockenheimer Warte präsentiert. Das Auschwitz Requiem des niederländischen Sinto und Komponisten Roger Moreno Rathgeb wurde vom Philharmonischen Orchester der Roma und Sinti erfolgreich in Amsterdam, Prag, Budapest, Frankfurt und gestern in Krakau aufgeführt. Die "nächste Vorstellung fmdet in der Berliner Philharmonie am 29.1. statt.

Vielen Dank

Förderverein Roma e.V.

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