ZUM TODE VON EMIL SCHMIDT

aus: Frankfurter Info 23/2000

Am 7. September 2000, kurz vor seinem 92. Geburtstag, starb Emil Schmidt, kommunistisches Frankfurter Urgestein. Der Meinung, dass Lebensgeschichten wie seiner gerade heute erinnert werden sollten, dokumentieren wir aus der Grabrede von Robert Steigerwald:

Emil ist am 2. Dezember 1908 als Sohn einer Schuhmacher-Familie zur Welt gekommen. Die Familie hatte am Sandweg ein kleines Geschäft. Emil verdiente sich sein Taschengeld als Schabbesgoi bei jüdischen Familien der Nachbarschaft, das heißt: er verrichtete am Samstag in diesen Familien jene Arbeiten, die den orthodoxen Juden an diesem Feiertag verboten sind. Mit vierzehn Jahren trat er der Gewerkschaft bei. ...

1938 heiratete er Lotte, die Tochter von Johanna und Karl Kirchner. Er war seit 1919 Fraktionsvorsitzender der SPD im Frankfurter Stadtparlament, Johanna Kirchner weit über unsere Stadt hinaus als Blutzeugin des Kampfes gegen die Nazis bekannt. Emil war Sozialdemokrat und letzter Vorsitzender der mit dieser Partei verbundenen Sozialistischen Arbeiterjugend. Noch 1933 trat er in die KPD ein und war nach dem Krieg ihr erster Mann in Frankfurt. Sein Wirken hatte er in Dienst der Vereinigung der beiden Arbeiterparteien gestellt. So schrieb er in einem Aufsatz 1947: „… Die Schaffung der einigen Partei ist das einzige Mittel, die Fehler der Weimarer Republik zu vermeiden.“ Nun, diese Partei kam nicht zustande, und die Fehler wurden nicht vermieden.

Über Emil Schmidt kann man nicht sprechen, ohne über seine Frau Lotte zu reden. Beide lernten sich in der Sozialistischen Arbeiterjugend kennen. Sie arbeiteten im antifaschistischen Widerstand zusammen. Beide waren in Nazi-Haft, Lotte im Hochverratsprozess gegen die Mutter, Johanna Kirchner angeklagt. Aber im Frankfurter Untersuchungsgefängnis geschah Seltsames: Lotte wurde von einer Wärterin angeschrieen, in eine dunkle Zelle gestoßen. Dort befand sich aber ihre Mutter. Beide Frauen konnten sich absprechen. Lotte konnte danach so aussagen, dass sie nicht verurteilt werden konnte. …

Die Idee des Sozialismus haben unseren Emil und nicht wenige andere bedeutende Persönlichkeiten der Frankfurter Arbeiterbewegung tief geprägt. Ich nenne nur einige an Stelle von vielen: Karl und Johanna Kirchner, ihre beiden Töchter Inge und Lotte, Georg Stierle und Walter Möller, Emil Carlebach und Walter Fisch, Etti und Peter Gingold, Leo Bauer und Otto Weißpfennig, Arno Leetz und Eva Steinschneider. Sie haben sich einst der Sozialistischen Arbeiterjugend oder dem Kommunistischen Jugendverband angeschlossen, sind dort zu solchen Persönlichkeiten herangereift, die sich 1933 nicht unter die Reihen der persönlichen Opportunisten und Karrieristen begaben, sondern entschieden den Kampf gegen Hitler aufnahmen, in die Zuchthäuser und Konzentrationslager verschleppt wurden oder, wie Johanna Kirchner, dies mit dem Opfer des eigenen Lebens besiegelten.

Als dann die Tage der Befreiung kamen, erfasste Aufbruchstimmung sie wie ein Rausch, gingen sie mit aller Kraft daran, die materiellen und mehr noch, die geistigen Trümmer des Faschismus wegzuräumen, unter ihnen und ihnen voran Emil Schmidt. Es war dies die Zeit, da die Wohnung Frankfurt am Main, Usinger Straße 14, die Wohnung der Familie Kirchner – jetzt wohnten dort die beiden Töchter mit ihren Ehemännern, eben Emil Schmidt und Arno Leetz – zu einem geistigen Zentrum der sozialistisch-kommunistischen Bewegung Frankfurts wurde. Mit Karl Kirchner und Georg Stierle, Walter Möller und Fritz Schmidt, Wolfgang Abendroth und Leo Bauer waren Emil und Walter Fisch, Arno Leetz und gar mancher andere im ständigen Diskussionsprozess mit dem Ziel, die Einigung der beiden Arbeiterparteien herbeizuführen. Und Karl Kirchner bestimmte, dass an seinem Sarg nur sprechen dürfe, wer für diese Einigung eintrete. Es sprach Georg Stierle.

In dieser Wohnung wurde ständig debattiert und zu überzeugen versucht – ich weiß das, denn ich ging als Sozialdemokrat in diese Wohnung und kam schließlich, nach monatelangem Lernen, als Kommunist heraus.

Aber wer war da am Diskutieren? Neben den genannten der weltberühmte Literaturwissenschaftler Hans Mayer, Stefan Hermlin, einer der besten deutschen Poeten unseres Jahrhunderts beispielsweise. Immer natürlich Marx, Engels und Lenin, doch auch unter den Kommunisten Verfemte, ich weiß es aus eigenem Erleben. Man gehörte nicht zu jenen, die dem Wahlspruch huldigen: „Wer nicht für uns ist, ist wider uns!“ Diese geistige Offenheit gehörte zum Wesen gerade auch Emil Schmidts, der als wackerer, grundsatzfester Kommunist und lebhafter Debattierer alles andere als verbissen, engstirnig war. … Es gab auch gründliche Debatten im Vorfeld der Erarbeitung der Hessischen Verfassung, mancher Artikel dieser Verfassung trägt die Handschrift von Walter Fisch, Emil Carlebach, Leo Bauer, Emil Schmidt. …

Emil war dann führend in der Frankfurter und hessischen KPD tätig. Er war auch als Lehrer auf Parteischulen aktiv, doch die Partei wollte ihn nicht auf diesem Geleis wirken lassen, das wohl seine Lieblingsbeschäftigung geworden wäre. Aber Emil hat, bis an das Ende seines Lebens, sich der Bildungsarbeit verschrieben, etwa bei den mit von ihm organisierten alternativen Stadtrundfahrten, bei seinen Auftritten vor Schulklassen oder auch bei seinem Wirken im Johanna-Kirchner-Heim – er konnte gar nicht ohne Arbeit leben.…

Die Zahl jener, die ihn bis in die letzten Tage hinein besuchten, war groß. Da kamen der Professor Hans Heinz Holz, Walter Bloch, der Résistance-Kämpfer, oder der Autor Karl-Heinz Jahnke, der aus Frankfurt stammende, aus dem militärischen Widerstand gegen Hitler bekannte Professor Fred Müller, aus den USA ehemalige SAJler, die emigrieren mussten und ihm nun berichteten oder sich von ihm erzählen ließen. Bis ans Lebensende stand Emil so mitten im Geschehen.

Aber Emil war nicht nur ein Mann der Politik und schon ganz und gar kein bloßer Kopfmensch. Er war ein eifriger Sammler von allerhand kostspieligen Dingen, liebte die Pflanzen, besonders die Kakteen, er züchtete sie, war überhaupt ständig darum bemüht zu erfahren, was es in der Naturwissenschaft Neues gab. Im Frankfurter DGB-Chor war er aktiv.

Und er war auch ein Mann der Familie, das heißt der weit verzweigten Familie Stunz-Arndt-Weber, die in Frankfurts eingeweihten Kreisen bisweilen auch liebevoll nur der „Clan“ genannt wird. Politisch, aber niemals menschlich ging durch die Familie ein Riss, denn Emil war bis ans Ende seines Lebens seiner Partei, der KPD zunächst, dann der DKP ein zuverlässiges und treues Mitglied. Andere aus dem Clan gehörtenzur sozialdemokratischen Stamm-Mannschaft unserer Stadt. Wer aber weiß, wie Kommunisten und Sozialdemokraten miteinander umgehen konnten und gehen, wird verstehen, dass ein solcher familiärer Zusammenhalt nicht unbedingt normal ist. Aber der Kitt, der diesen Clan zusammenhielt, war stärker als der Gegensatz. Das war möglich, weil Überzeugungstreue mit Offenheit gepaart, das Zuhören und die Fähigkeit zum Brückenschlag eingeübt sind. Und eben diese Fähigkeiten haben Emil auch in den Stand gesetzt, in der Arbeiterwohlfahrt, in der VVN, in der Gewerkschaft nicht nur zu wirken, dort nicht nur ein geduldeter Zeitgenosse zu sein, sondern er war ein willkommener Freund, ein Gleicher unter Gleichen. So war sein Leben ein – wie gesagt, nimmt man nur alles in allem – erfülltes Leben, das uns Lehren erteilt. …

Indem wir diesem allen nachstreben, tragen wir unser Teil dazu bei, dass nach uns Kommende anknüpfen können an das, was diese Zeit der Frankfurter sozialistischen und kommunistischen Arbeiterbewegung hervorgebracht hat. … Denn der neue Aufbruch wird kommen. Sie werden noch eine Weile lang ihren Sieg auskosten können, doch der Katzenjammer kommt bestimmt. Denn … es gibt nur die Alternative: Sozialismus oder Barbarei. Und die Menschheit wird, aller Wahrscheinlichkeit nach, und sei es erst nach einigen Nackenschlägen, am Ende dennoch nicht die Barbarei wählen:

Die Nacht hat zwölf Stunden
Doch dann kommt der Tag.

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