Lore Wolf

Lore Wolf, 1900–1996, geboren in Sommershausen (Unterfranken), kam mit 6 Jahren nach Höchst am Main, seit ihrem 16. Lebensjahr gewerkschaftlich organisiert, viele Jahre in der Naturfreundebewegung und der Sozialistischen Arbeiterjugend tätig, Stenotypistin, 1923 Heirat mit Hans Wolf, 1925 Geburt ihrer Tochter. Im Krisenjahr 1929 Auswanderung nach den USA. 1932 wegen Arbeitslosigkeit ihres Mannes Übersiedlung in die Sowjetunion.

Lore Wolf1933 während eines Urlaubs in Deutschland Wiederausreiseverbot durch die NS-Regierung. Eintritt in die illegale KPD. Illegale antifaschistische Tätigkeit für die KPD und die Rote Hilfe, Emigration über das Saargebiet nach Frankreich. 1940 in Paris durch Verrat von der Gestapo verhaftet und vom Volksgerichtshof wegen Vorbereitung zum Hochverrat zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Einzelhaft im Zuchthaus Ziegenhain, 1945 aus der Haftanstalt Hamburg-Fuhlsbüttel befreit und Rückkehr nach Frankfurt am Main, stellvertretende Leiterin der Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte des Naziregimes und Mitglied des beratenden Landesausschusses Großhessen.

Danach mehrere Jahre in den Redaktionen der tat und der Deutschen Volkszeitung tätig. Bis zu ihrer Pensionierung Angestellte der Stadtverwaltung Frankfurt am Main.

Autorin des autobiographischen Buches Ein Leben ist viel zu wenig (Röderberg-Verlag, Frankfurt 1974). 1983 Herausgabe ihrer Tagebuchblätter aus dem Zuchthaus Ziegenhain: „Ich habe das Leben lieb“ (Weltkreisverlag, Dortmund).

Lore Wolf:

Vor genau 35 Jahren kamen wir, die überlebenden antifaschistischen Widerstandskämpfer, zurück in die ausgebombten Städte unserer Heimat, aus deutschen Zuchthäusern, Gefängnissen und Konzentrationslagern, aus Frankreich, Belgien, Luxemburg, Holland, der Schweiz.

Zu Skeletten abgemagert waren die nun befreiten politischen Gefangenen; leidgezeichnet waren die Antifaschisten, die in ihren Zufluchtsländern an der Seite des jeweiligen Volkes gegen den aggressiven Hitlerfaschismus gekämpft hatten. Und doch schalteten sie sich sofort in den Kampf um Demokratisierung und um den Wiederaufbau der Heimat ein. Sie halfen mit, die Trümmer zu beseitigen, die zerstörten Städte wieder funktionsfähig zu machen und die Menschen in ein geordnetes Leben zurückzuführen.

Meine Arbeit begann bereits einige Tage nach der Befreiung aus dem Zuchthaus Fuhlsbüttel. Zu 12 Jahren Zuchthaus war ich vom hitlerschen „Volksgerichtshof“ verurteilt worden. „Vorbereitung zum Hochverrat“ nannten sie unseren Kampf gegen ihr Blutregime. Fünf Jahre davon habe ich in Einzelhaft im Zuchthaus Ziegenhain eingesessen. Am 2. Mai 1945 hatten uns die Alliierten befreit, am 25. Mai konnten wir das Zuchthaus verlassen.

Ein englischer Offizier, der im Zuchthaus die Akten der politischen Gefangenen überprüft hatte, bat mich, ihm bei der Rückführung der Befreiten behilflich zu sein. Diese Menschen wurden in Hamburg in Erholungsheimen und bei Familien untergebracht, um nach und nach in ihre Heimatstädte befördert zu werden. Dies war eine schwierige Aufgabe. Die Elbbrücken waren für jeden Verkehr gesperrt, so mussten besondere Ausweise und Berechtigungsscheine ausgestellt werden, damit man die Brücken passieren konnte. Ich arbeitete im Hamburger Rathaus mit diesem englischen Offizier zusammen und stellte Tausende solcher Genehmigungen aus. Untergebracht war ich in einem Erholungsheim in Wandsbek, wo die fast zum Skelett abgemagerten Häftlinge wieder zur Kräften kommen sollten. Die Engländer sorgten für gute Verpflegung. Doch manche junge Menschen starben noch in diesem Hause, da sie, zu Tode erschöpft, den Wechsel der Nahrung nicht mehr verkraften konnten. Ich denke an einen sehr jungen Holländer, der, zum Skelett abgemagert, keine Nahrung mehr zu sich nehmen konnte und in seinen letzten Stunden ständig nach seiner Mutter rief. Wir standen tief erschüttert an seinem Bette. Auch die Hamburger Bevölkerung hatte man aufgefordert, sich die Untaten der Faschisten anzusehen. Man hatte sie in unserem Heim an diesen 36 Menschen vorübergeführt. Scheu und erschüttert, tief beeindruckt standen sie, und mancher wischte sich angesichts dieser Todeskandidaten die Tränen vom Gesicht.

Unentwegt stellte ich Pässe aus. Der Offizier unterschrieb und stempelte sie. Er hatte mir Weisung gegeben, daß ich keine Ausreisescheine nach Berlin ausstellen dürfe. Wahrscheinlich, weil Berlin von der Sowjetarmee befreit worden war. Aber auch die dort Beheimateten wollten in ihre Stadt zurück. So schrieb ich eben nicht Berlin, sondern irgendeinen Vorort Berlins auf die Reisegenehmigung. Eines Tages erwischte mich der Engländer und fragte, warum ich seine Anweisung nicht befolgt habe. Ich versicherte ihm, daß ich nicht einen einzigen Schein nach Berlin ausgestellt habe. Da führte er mich an eine Landkarte und deutete auf den Umkreis von Berlin. Er kontrollierte nun eine Zeitlang schärfer, und eines Tages gab er mir sogar das heilige Siegel Englands zur Benutzung. Nun konnte ich wieder die Berliner weiterleiten. In meinen freien Stunden half ich den Hamburger Antifaschisten, das Komitee der politischen Gefangenen aufzubauen, die aus den vielen Konzentrationslagern Zurückgekommenen unterzubringen und Lebensmittel zu beschaffen. Bis spät in die Nacht arbeiteten wir, bis wir den Großteil der Befreiten aus Hamburg herausgeschafft hatten. Am 8. August konnte ich nun nach Frankfurt heimkehren.

Ich stand starr vor Entsetzen, als ich meine Stadt wieder sah. Ruinen ragten zum Himmel, Schutthaufen füllten die Straßen, so weit ich sehen konnte. Meine Füße versagten. In der Nähe des Hauptbahnhofes lehnte ich mich an die Reste einer Hauswand und schluchzte allen Schmerz aus mir heraus. Ich glaubte, das Herz müsse mir brechen.

Daheim war ich nun, daheim in der Stadt, nach der ich mich elf unendlich lange Jahre gesehnt hatte.

Meine Angehörigen fand ich in der ausgebombten Wohnung. Mein Vater hat meine Heimkehr nicht mehr erlebt. Er starb zwei Monate vorher, jedoch in der Gewissheit, daß seine Tochter überlebt hatte.

Ich schrieb damals nieder: „Ich bin daheim! Ich weiß, jetzt müssen wieder die Ärmel hochgekrempelt werden. Wieder geht es an die Arbeit, diesmal an die legale. Es wird nicht leicht sein, diese Stadt zu entrümpeln, wieder aufzubauen. Aber noch viel, viel schwerer wird es sein, die Hirne zu entrümpeln, sie zu erfüllen mit dem Bewusstsein, dass es nie mehr Faschismus und Krieg geben darf, wenn die Völker überleben wollen!“

In Frankfurt hatte die Stadtverwaltung ebenfalls eine Betreuungsstelle für politisch, rassisch und religiös Verfolgte eingerichtet. Sofort stellte ich mich zur Verfügung. Ich hatte in Hamburg große Erfahrungen gesammelt und konnte so mithelfen, schwierige Probleme zu lösen, denn noch immer kamen die Menschen aus in- und ausländischen KZs, die wir versorgten und weiterleiten mussten. Ich wurde alsbald in die Dienste der Stadtverwaltung übernommen und später an der Seite eines Buchenwalder Kameraden, Otto Roth (Leiter der Betreuungsstelle), dessen Stellvertreter.

Wir arbeiteten mit dem Wohnungsamt zusammen und konnten so dazu beitragen, dass die Heimgekehrten in die von den untergetauchten Nazis verlassenen Wohnungen eingewiesen wurden. Als die Nazis nach Jahresfrist feststellten, dass ihnen nichts geschah, kamen sie wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervor, und die Verfolgten mussten die Wohnungen räumen. Wir konnten den Kranken und Geschwächten helfen, ihnen ärztliche Hilfe vermitteln und sie in Krankenhäuser einweisen. Wir organisierten zusammen mit der Assistance Médicale Suisse Lebensmitteltransporte aus der Schweiz und versorgten die Menschen mit wertvollen Medikamenten und Nahrungsmitteln, denn damals herrschte der Hunger in unserem Lande.

Die beiden Arbeiterparteien KPD und SPD waren in Frankfurt die ersten Parteien, die von der Militärregierung zugelassen wurden. Die Amerikaner bestellten Funktionäre – u. a. Paul Krüger, Gewerkschaftssekretär – zu sich und verhandelten mit ihnen über die Neubildung der KPD. Sie forderten, die neue Partei nicht mehr Kommunistische Partei zu nennen, sondern ihr einen anderen Namen zu geben. Paul Krüger erklärte, daß die Kommunisten keine Ursache hätten, den Namen zu ändern. Er sagte wörtlich: „Diese Partei hat im Kampfe gegen Hitler und sein Terrorregime unerhörte Opfer gebracht. Abertausende Genossen mussten ihr Leben lassen. Wir sind stolz auf unsere Partei, und der Name wird bleiben!“ Er blieb.

Wir Kommunisten, die wir schon lange vor Hitlers Machtübernahme auf die Bildung einer Einheitsfront aller Werktätigen hingearbeitet haben, wussten, wie bitter notwendig ein solcher Zusammenschluss war. Auch jetzt strebten wir diesem Ziel zu, um zu verhindern, daß nochmals ein solches Elend über unser Volk gebracht werden kann, denn die Nazis waren noch vorhanden.

Am 3. September 1945 wurde zwischen KPD und SPD ein Aktionseinheitsabkommen geschlossen. Dieses Abkommen hatte folgenden Wortlaut und war unterzeichnet von beiden Parteien:

„Am 3. September traten in Frankfurt am Main die Vertreter der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands im Gebiet Frankfurt am Main zu einer gemeinsamen Sitzung zusammen.

Vertreter der Kommunistischen Partei:
Walter Fisch, Oskar Müller, Ernst Eichelsdörfer, Emil Carlebach und Martin Kirsch.

Vertreter der Sozialdemokratischen Partei:
Willi Knothe, Rudolf Menzer, Franz Ultrich, Kurt Haenschler, Fritz Schäfer.

Die Aussprache bestätigt den schon bisher gezeigten Willen zur aufrichtigen Zusammenarbeit beider Parteien. Sie verlief im Geiste gegenseitigen Vertrauens. Unter Wahrung der Selbstständigkeit beider Parteien kamen die Vertreter überein, einen gemeinsamen Aktionsausschuss der beiden Leitungen zu schaffen, der aus je fünf Vertretern bestehen wird. Dieser Ausschuss wird ein Ausdruck der Aktionseinheit der Kommunistischen und der Sozialdemokratischen Partei sein und stellt sich folgende Aufgaben:

1. Enge Zusammenarbeit bei der Durchführung der dringlichen Aktionsaufgaben zur Liquidierung der Überreste des Nazismus und zum Wiederaufbau des Landes auf einer festen demokratischen Grundlage. Als Voraussetzung hierfür wird der Aufbau einer antifaschistischen demokratisch-parlamentarischen Republik betrachtet, die die Fehler und Schwächen der Vergangenheit vermeidet und dem schaffenden Volk alle demokratischen Rechte und Freiheiten sichert.

2. Es sind die erforderlichen Schritte zu unternehmen, um mit allen anderen antifaschistischen demokratischen Parteien Vereinbarungen über die Bildung eines festen antifaschistischen Blocks zu treffen.

3. Gemeinsame Vertretung der Interessen des schaffenden Volkes in allen öffentlichen Institutionen, unter ihnen vor allem in den Organen der im Aufbau begriffenen kommunalen und provinzialen Selbstverwaltung, die sich mit dem Problem des demokratischen Aufbaus befassen.

4. Durchführung gemeinsamer Veranstaltungen beider Parteien, die sich mit dem Problem des demokratischen Aufbaus befassen.

5. Gemeinsame Beratung zur Klärung ideologischer Fragen.

Die Vertreter beider Parteien bekunden ihren festen Willen, alles zu tun, um auf dem Wege kameradschaftlicher Zusammenarbeit in allen Fragen des antifaschistischen Kampfes und des Wiederaufbaus die Voraussetzungen für die politische Einheit des werktätigen Volkes zu schaffen.

Der gemeinsame Aktionsausschuss der Gebietsleitungen der Sozialdemokratischen und der Kommunistischen Partei fordert alle Organisationen beider Parteien auf, in ihrem Tätigkeitsbereich ebenfalls gemeinsame Ausschüsse zu schaffen und überall die Zusammenarbeit in dergleichen Weise herzustellen, wie dies in Frankfurt beschlossen wurde.“

In Groß-Hessen wurde im März 1946 ein Vorparlament gebildet, das der Regierung bis zur Wahl eines Landtages helfen sollte, die schweren Probleme, die vor uns standen, zu lösen. Dieser Landesausschuss Groß-Hessen hatte beratenden Charakter, seine Mitglieder sind nicht vom Volke gewählt. 44 Männer und 4 Frauen gehörten ihm an. Jede Partei benannte 12 Mitglieder. Ich gehörte dem Landesvorstand der KPD Hessen an und war somit unter anderen Genossen Mitglied im Landesausschuss. Die meisten der von der Partei Benannten hatten viele Jahre in nazistischen Zuchthäusern und Konzentrationslagern zugebracht.

Die ehemals Verfolgten versahen nun auch führende Stellungen in den Rathäusern, Polizeipräsidien usw. Sie waren vertreten in der Hessischen Regierung und überall da, wo es aufzubauen galt.

Oskar Müller (Kommunist) wurde bereits am 16. Oktober 1945 zum Arbeitsminister der ersten Regierung des neu geschaffenen Landes Groß-Hessen ernannt.

Dr. Valentin Heckert (Kommunist) war seit November 1945 im Ministerium für Wiederaufbau und politische Bereinigung als Leiter der Rechtsabteilung tätig. Später wurde er ins Innenministerium berufen und war als Ministerialdirektor an der Ausarbeitung des Entwurfes zur neuen Verfassung beteiligt. Er befasste sich u. a. mit der Demokratisierung der Polizei.

Ludwig Keil, der von sich sagte: „Mein letztes Semester studierte ich in Dachau“, wurde im Oktober 1945 als Ministerialdirektor ins Ministerium für Wirtschaft und Verkehr berufen.

Nun begannen die Parteien mit der Vorbereitung der Wahlen in Hessen. Die Kreistagswahlen fanden am 28. April 1946 statt, die Wahlen in den Großstädten am 26. Mai 1946, die Wahlen für die Verfassungsgebende Versammlung am 30. Juni 1946. Von 90 Sitzen erhielten: SPD 46 Sitze, CDU 35 Sitze, KPD 7 Sitze, LDP 6 Sitze.

Die Landtagswahlen in Hessen erfolgten am 1. Dezember 1946. Die Bürger des Landes Groß-Hessen hatten nun die von der Verfassungsgebenden Versammlung vorgelegte Verfassung beschlossen.

Bereits am 31. Juli 1945 war die Frankfurter Rundschau zum erstenmal erschienen. Sie hatte die Frankfurter Presse, das Nachrichtenblatt der Amerikanischen 12. Heeresgruppe für die deutsche Zivilbevölkerung, abgelöst.

Je drei Sozialdemokraten und Kommunisten sowie ein antifaschistischer Katholik waren die Herausgeber dieser neuen Zeitung. Es waren Emil Carlebach, Hans Etzkorn, Wilhelm Karl Gerst, Otto Großmann, Wilhelm Knothe, Paul Rodemann, Arno Rudert. Dieser schrieb der ersten Zeitung zum Geleit:

„Diese Zeitung stellt ein Novum dar, ein Novum nicht nur in der Geschichte der Frankfurter Zeitungen, sondern in der gesamten Zeitungsgeschichte überhaupt. Dieses Neue im deutschen Zeitungswesen besteht in der – für die deutsche politische Begriffswelt von früher nicht vorstellbaren – unerhörten Tatsache, dass sich zu dem Werk dieser Zeitungsgründung Deutsche aus verschiedenen politischen Lagern zusammengetan haben, die von einem gemeinsamen Willen beseelt sind: dem Willen zum Wiederaufbau auf der Grundlage echter demokratischer Zusammenarbeit …“

Der Kampf um die Stimmen der Wählerschaft wurde mit Heftigkeit fortgesetzt. Die Frankfurter Rundschau ließ ohne Einschränkung in ihrem Blatt alle Parteien zu Wort kommen. In dieser Zeit des Wahlkampfes, des organisatorischen Aufbaus, beteiligten wir uns zusammen mit den SPD-Genossen am Aufbau der Gewerkschaften und der Arbeiterwohlfahrt, wir warben Mitglieder für diese Organisationen der Arbeiterschaft. In den Betrieben, die die Arbeiter wieder mitaufgebaut hatten, gründeten wir Betriebsgruppen und halfen mit bei der Schaffung eines Vertrauensmännerkörpers für die Gewerkschaften und bei der Bildung von Betriebsräten.

Neben unserer beruflichen Tätigkeit bereiteten wir ehemals verfolgten Kommunisten, Sozialdemokraten und Parteilosen die Gründung der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes vor, denn es war notwendig, dass diese Menschen, die in der Vergangenheit ihre Treue zum Volk unter Beweis gestellt hatten, in einer festgefügten Gemeinschaft zusammengehalten wurden.

An jedem Wochenende fuhren wir im Lande Hessen umher und sammelten die Widerstandskämpfer und Opfer des Faschismus, gleich welchen Parteien sie angehörten, und besprachen mit ihnen die Notwendigkeit der Gründung dieser Organisation. Am 1. Januar 1947 war es soweit, die VVN wurde gegründet. Ich wurde Mitglied des Landesvorstandes Hessen. Der Rat der VVN, dem auch ich angehörte, war das oberste Gremium unserer Vereinigung in ganz Deutschland. Namhafte Persönlichkeiten gehörten ihm an.

Die Ziele der VVN waren u. a.:

Zusammenfassung aller politischen Kräfte in ganz Deutschland zur Erringung einer einheitlichen deutschen Republik.

Sammlung und Kampf aller Friedenskräfte gegen Kriegshetze und Störung des Weltfriedens.

Kampf gegen jede Wiederbelebung des Nazismus und gegen Remilitarisierung.

Aufklärung der Bevölkerung und insbesondere der Jugend über den Kampf gegen Antisemitismus und Rassenhetze.

Heranziehung aller Verfolgten des Naziregimes zum Aufbau eines einheitlichen demokratischen Deutschlands.

Noch immer war die Zusammenarbeit im Aktionsausschuss, in der Gewerkschaft, in der Frankfurter Rundschau und in allen demokratischen Organisationen zwischen SPD und KPD ersprießlich. Wir alle, ob Kommunist, ob sozialdemokratischer Arbeiter oder Funktionär, waren froh, daß wir endlich einen Weg der Gemeinsamkeit gefunden hatten. Gemeinsam lösten wir schwierige Probleme, manche Freundschaft wurde geschlossen, und unsere Hoffnung auf eine friedvolle Entwicklung unseres Landes zu einer wahren Demokratie war übergroß.

Dann kam der Schlag von oben.

Eines Tages kam Kurt Schumacher, Vorsitzender der SPD, nach Frankfurt. Ich befand mich gerade in der Redaktion der Frankfurter Rundschau, bei Willi Knothe, SPD, als er, auf seinen Stock gestützt, die Redaktion betrat. Ich wusste nicht, welch ungeheuere Energie in diesem großen, jedoch so kranken Mann steckte. Ich wußte nur, dass ihn der Kommunist Luki Wittmann im Lager Dachau vor dem Hungertod bewahrt hatte. Luki teilte damals, als Schumacher sich im Lager vor der SS verstecken mußte, sein karges Brot und seine so kleine Ration Essen mit diesem Kameraden. Ich wusste, daß sich die Verfolgten beider Parteien, im gemeinsamen Erleben des furchtbaren Terrors, geschworen hatten, auch nach der Befreiung zusammenzustehen und sich niemals mehr zu befeinden. Dr. Kurt Schumacher hatte diesen Schwur schon bald vergessen. Bereits im Oktober 1945 berief er eine Konferenz aller sozialdemokratischen Funktionäre aus allen Teilen Deutschlands in Wenningsen ein und warnte die Genossen vor einer Einheitsfront mit den Kommunisten.

Nachdem die Amerikaner den Startschuss zur Verfolgung der Kommunisten gegeben hatten, nahm jetzt sein Kampf gegen diese Partei schärfere Formen an. Die Folge war Zerschlagung der Aktionsausschüsse. Die sozialdemokratischen Kameraden, die in der VVN verankert waren, wurden gezwungen, ihren Austritt zu erklären oder die Mitgliedschaft in der SPD aufzugeben. Viele Kameraden taten diesen Schritt schweren Herzens. Der damalige Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt, Dr. Kolb, zögerte sehr lange und war neben Paul Apel und Franz Ulrich, zwei bekannten SPD-Persönlichkeiten, einer der letzten, die ihre maßgebliche Funktion und Mitgliedschaft in der VVN aufgaben, da sie ihre Mitgliedschaft in der SPD nicht verlieren wollten.

Die Kommunisten, die dem Naziregime Widerstand geleistet hatten, wurden nun nach und nach auf Weisung der Amerikaner aus ihren verantwortlichen Stellungen in der Regierung, in Polizei etc. verdrängt. Die Aktionsausschüsse wurden aufgelöst, die Redaktion der Frankfurter Rundschau anderweitig besetzt.

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