Der Kommunist im Himmel

von Lene Voigt

Just als Sankt Petrus einmal austreten musste und dabei versäumte, einen Ersatz-Heiligen an das Himmelstor zu stellen, war ein Kommunist in die Gefilde des Seligen geraten. Da sich die neue Seele äusserlich durch nichts von den anderen unterschied, fiel die Sache zunächst nicht auf. Aber schon tags darauf ereigneten sich Dinge, wie sie seit Bestehen des Gottesreiches noch nie dagewesen waren.

Gleich früh bei der Morgenandacht streikte das verklärte Bläserkorps und verlangte für die Zukunft doppelte Ration vom himmliLchen Manna. Um 11 Uhr bewegte sich ein riesiger Demonstrationszug unter Voranschweben einer roten Wolke über der Milchstrasse. In den ersten Reihen marschierten die sonst so friedlichen Sternputzer und forderten laut Plakat die Achtstundennacht. Ferner beantragten die Wolkenschieber die Aufhebung der Sonntagsarbeit, die Regenschleusenkontroleure schlossen sich begeistert an. Ausserdem wünschte die Belegschaft der Kometwerke deren sofortige Sozialisierung, und die Flockenformer aus der Schneeabteilung verlangten auch während der Hundstagsmonate voll zu arbeiten. Das Tollste aber war, dass die weiblichen Engel unter Führung der heiligen Elisabeth aus dem "Tannhäuser" ganz energisch auf Abschaffung des Paragraphen 218-219 drangen.

Der liebe Gott sass gedankenvoll auf seinem Wolkensofa, rauchte einen Palmwedel und liess sich die Fülle der neuen Ereignisse durch den ewigen Kopf gehen, als plötzlich auf dem Mars eine Bombe explodierte, Das brachte den alten Herrn auf den Trichter.

"Es muss ein Kommunist im Himmel sein ", rief er aus, und winkte dem Propheten Jeremias, seinem göttlichen Vertrauensmann. Der trat vor: Sandalen zusammenschlagend und Hand am Heiligenschein. Er erhielt den Befehl, die verruchte Seele ausfindig zu machen. In Begleitung von sechs Unteroffizieren der himmlischhen Heerschar, die er tapfer voranschickte, begab sich der Prophet auf die Suche, und man erwischte den Kommunisten eben in dem Moment, als er sich in äussert verdächtiger Weise an der Venus zu schaffen machte. Zornbebend packte die Patrouille den Sünder, dem aber trotz der gegnerischen Übermacht zunächst ein Fluchtversuch dreimal um den Mond herum gelang. Diesen drei Touren wären sicher noch weitere gefolgt, wenn nicht der ehrenwerte Prophet, der sich auf Grund seines Asthmas nicht an der Kommunistenhatz beteiligte, auf den einfach genialen Gedanken gekommen wäre, die sechs Unteroffiziere sollten einmal nach der entgegengesetzten Richtung sausen. diese glänzende strategische Idee hatte den gewünschten Erfolg: Die sündige Seele wurde gepackt, als sie einige Minuten im Laufen innehalten musste, weil gerade eine Herde Mondkälber nach dem Saturn hinübersetzte.

Nun war der freche Eindringling endlich in der Hand der mutigen Patroillle, die ihn stolz forttransportierte, unterwegs noch einen Herumlungernden Engel engagierend, der dem Zug vorauszugehen hatte und dabei auf einer Aeolharfe den 107er Regimentsmarsch spielen musste.

"Nun, da seid Ihr ja", schmunzelte Gottvater, kniff den Engel freundlich in die Wade und verlieh den Sechsen die grosse Gloria-Medaille. an zwei Engelhaaren um die Lenden zu tragen. Dem Propheten aber ward wie einst Schweitzer inden "Räubern" die Ehre der Wiedervergeltung zuteil. Persönlich durfte er den Verruchten hinauswerfen, und schon schwelgte er in Vorfreude, wie die schwarze oder vielmehr rote Seele beim Aufprall gegen die Erde jämmerlich zerplatzen würde.

Aber es kam anders:

Auf der Landstraßße zwischen Halle und Leipzig lag gerade ein wegen Überfüllung zu zeitig aus dem Krankenhaus entlassenes Mitglied der KPD an der Grippe in den letzten Zügen. Und flugs fuhr die aus dem Himmel geschmissene Seele in den Korpus des Genossen, der sich natürlich sofort wieder erholte und weiter agitierte. Ein Beweis, dass die Kommunisten nicht totzukriegen sind.

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