- Rede von Bruni Freyeisen zu 80 Jahre Überfall auf Sowjetunion

22. Juni 2021 - 80. Jahrestag Überfall der Deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion.

Stand: 22. Juni 2021

Rede von Bruni Freyeisen auf der Veranstaltung der VVN in Frankfurt

"Vernichtung des Bolschewistischen Weltjudentums" war das Ziel der deutschen Faschisten in enger Zusammenarbeit mit Industrie und Finanzkapital - nachzulesen seit 1923.

Der Zweite Weltkrieg, im Namen des Führers mit breiter Unterstützung aus der Bevölkerung, forderte über 60 Millionen Todesopfer, alleine die Sowjetunion hat über 27 Millionen Tote zu beklagen. Mit dem Überfall der Deutschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion wurde Tür und Tor aufgestoßen, den Untermenschen, die Russen zu vernichten. Zivilbevölkerung und sowjetische Kriegsgefangene ließ man einfach verhungern, in Konzentrationslagern liquidieren und durch Arbeitseinsätze vernichten.

Es fällt schwer, mit diesem Hintergrund und der aktuellen Politik, heute hier zu sprechen. Doch es ist für uns selbstverständlich, dass wir aus der Geschichte lernend bereit sind, uns in der Gegenwart für die Zukunft zu engagieren. Wir können und wollen keine Wiedergutmachung mit diffusen und scheinheiligen Aktionen der "Schuld-Entlastung" mitbetreiben. Wir arbeiten gegen das Vergessen, gegen Völkermord und Krieg. Das heißt auch: aktuell allen Hochrüstungs- und Kriegstendenzen, vor allem gegen Russland, entgegenzutreten.

Es langt nicht, dass endlich nach 80 Jahren hochrangige Politiker in Berlin das Verbrechen vom 22. Juni 1941 verurteilen. Eine konkrete Friedenspolitik muss entwickelt und umgesetzt werden, damit kein Mensch mehr Angst vor Krieg, Faschismus, Vernichtung und Verfolgung haben muss.

1962, wir waren auf der Rückreise von Helsinki und wurden auf dem Bahnhof in Leningrad von einer betagten Sowjetbürgerin herzlich begrüßt. Sie nahm uns in den Arm und sagte unter Tränen: "Ich bin glücklich so viele junge deutsche Menschen hier zu sehen. Ich habe als Einzige aus der Familie hier in Leningrad überlebt. Ihr seid für mich, seid für uns, die beste Wiedergutmachung. Ihr gebt uns Kraft und Hoffnung für das Weiterleben - und, dass deutsch nicht gleich Faschismus ist."

Am 24. Oktober 1964 wurde das Denkmal an der Rückseite der Paulskirche mit einer Feierstunde in der Paulskirche der Öffentlichkeit übergeben. Der Stadtverordnetenvorsteher Kraft sagte damals: "Die Mörder sind heute noch unter uns". "Wir sind mit dieser Vergangenheit noch nicht fertig". Wie wahr - auch 2021.

Ich lese jetzt, stellvertretend für die Millionen Geächteten, Gequälten und Ermordeten das Schicksal der "Fremdarbeiterin" Valentina Archipowa.

"Die meisten ausländischen Frauen und Männer mußten in der deutschen Industrie arbeiten. Andere wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, um die eingezogenen deutschen Arbeiter zu ersetzen. Eine von den Frauen, die auf Bauernhöfen arbeiten mußten, war Valentina Archipowa.

Valentina Archipowa, geborene Wolkowa, wurde am 17. Mai 1919 in Saratow in der Sowjetunion geboren. 1935 heiratete sie in Stalingrad Michael Archipowa, den sie als Schaffnerin bei der Eisenbahn kennengelernt hatte.

Sie hatte zwei Kinder. Am 27. April 1942 unterschrieb sie eine Arbeitsverpflichtung für das faschistische Deutschland. Sie war zu der Zeit von ihrer Familie getrennt und hatte keine Möglichkeit, zu ihr zurückzukehren, da der Krieg ausgebrochen war. Valentina Archipowa kam am 4. Mai 1942 mit einem "Ostarbeitertransport" nach Frankfurt am Main und wurde sofort der Witwe Rosina Bayer als Zwangsarbeiterin zugeteilt. Mehr als ein Dutzend Ostarbeiterinnen arbeiteten in dem Stadtteil Sindlingen, zumeist in der Landwirtschaft und ihre Versorgung mit Textilien war, wie bei allen Ostarbeitern i Deutschland, völlig unzureichend.

Bei einem Angriff in der Nacht vom 12. Zum 13. August 1942 verwüstete eine Brandbombe das Haus der Frau Bayer. Valentina Archipowa half mit, den Brand zu löschen, bei dem vermutlich ein großer Teil an Gegenständen der Frau Bayer verbrannten. Am darauffolgenden Tag fand Valentina Archipowa unter dem Schutt, der im Hof zurückgeblieben war, 2 Meter angebrannten Damast und 1 Meter Linon Stoff. Sie versteckte die Stoffe und nahm sie mit, als sie kurze Zeit später auf einen anderen Bauernhof wechselte. Dort tauschte sie den Stoff bei einem Polen, der ebenfalls auf einem Bauernhof arbeitete, gegen einen gebrauchten Mantel ein.

Der stellvertretende Ortsgruppenleiter, Hans Berninger, erfuhr durch einen Zufall von dem Tausch und erstattete gegen die 23 jährige Valentina Archipowa Anzeige wegen Diebstahlsverdacht. Valentina Archipowa wurde verhaftet und kam in Untersuchungshaft. Ihr wurde ein weitaus größerer Diebstahl und ein einträgliches Geschäft mit weiteren Wäschegegenständen der Witwe Bayer angelastet.

Im Schlußbericht der Gestapo vom 2. November 1942 war dann zum ersten Mal die Rede von "Plünderung". (Auf Plünderung stand nach der "Volksschädlingsverordnung" der Tod). Die Gestapo, deren Sitz in der Lindenstraße 27 war, "verhörte" Valentina Archipowa, wohl in der Hoffnung, etwas mehr herauszuholen als Plünderung von 2 Meter Stoff. Valentina Archipowa blieb bei ihrer Aussage, daß sie aus einem verbrannten Stoffballen ein noch verwendbares Stück herausgetrennt habe, zusätzlich zu einem Meter Hemdstoff. Die Methoden der "Vernehmung" sind bekannt. Im Protokoll der Gestapo vom 29. April 1943 heißt es: "Vernehmung mußte wegen Unwohlsein der Archipowa abgebrochen werden".

Am 21. Juli 1943 fand die Verhandlung des Frankfurter Sondergerichtes statt. Der Assessor Pütz beantragte die Todesstrafe. Das Urteil lautete:

"Im Namen des deutschen Volkes! Die Angeklagte hat am 13. August 1942 in Frankfurt-Sindlingen nach einem Fliegerangriff geplündert und mindestens 2 m Damast sowie 1 m Linon gestohlen. Sie wird deshalb als Volksschädling zum Tode verurteilt. Die bürgerlichen Rechte werden ihr auf Lebenszeit aberkannt." (Sondergerichtsakte 86/43). Der Pflichtverteidiger Valentina Archipowas reichte ein Gnadengesuch ein. Nach 6 Wochen Wartezeit in der Todeszelle erfährt Valentina Archipowa, daß das Gnadengesuch abgelehnt wurde. Fünf Stunden später wurde sie in der Haftanstalt Preungesheim hingerichtet."

Quelle "Frauen und Frankfurt" von Barbara Bromberger und Katja Mausbach, S. 79/80.

Ihr seid hoffentlich einverstanden, dass ich anschließend dieses kleine Blumengebinde für Valentina und die Millionen Opfer aus der Sowjetunion am Denkmal an der Paulskirche niederlege.

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